Die Mainstream-Talker

Phrasendrescher & Wichtigtuer

Viele Gründe gibt es dafür, warum einer gut reden oder präsentieren kann und der andere sprachlich schwächelt. Die Glückskinder bekamen rhetorische Intelligenz in die Wiege gelegt andere hingegen sollten sie endlich selbst in die Wege leiten. Man hört schließlich ob jemand an seiner Persönlichkeit gearbeitet oder etwas für seine Sprache getan hat. Und dann gibt es da noch die „Mainstream-Talker“. Sie klingen alle ähnlich und verwenden die gleichen sprachlichen Bausteine, wie einen MiniLük. Dabei klingen sie mächtig busy, weichgespült und trotz ihrer gedanklichen Unschärfe sind sie hörbar davon überzeugt „wichtige Issues“ zu bearbeiten, „das Heft in der Hand zu halten“ und dabei unentbehrlich zu sein. Ihre Einzigartigkeit lässt sie am Telefon ähnliche Mantras sagen: „Am Ende des Tages, müssen sie „die PS auf die Straße bringen“, dann wird ihr Projekt ein „Game Changer“. Bravo!

Zum Glück sitzen mir persönlich im Stundentakt auch die wirklich handlungsfähigen Gestalter, Vorstände, hellen Köpfe und Opinion Leader gegenüber, die sich um ihre Wirkung kümmern und keinen geschachtelten Unsinn aus dem unteren Management erzählen.

Tatsache ist: unsere Lebensphasen bestimmen darüber, wie wir im Augenblick kommunizieren. Welche Themen bewegen uns gerade? Welchen Fragen stellen wir? – Ein 3-jähriges Kind beispielsweise fragt nicht mehr nur „Was ist das?“, sondern bereits „Warum?“ oder „Und dann?“. Ab dem vierten Lebensjahr wollen wir wissen „Woher kommt das?“ und später hinterfragen wir sogar Gesetzmäßigkeiten: „Ist das immer so?“.

img_2546Ab dem neunten Lebensjahr bilden wir uns dann eine eigene Meinung, die in den hormonell übersteuerten Jahren der Auflehnung und Selbstfindung während der Pubertät hörbar wird. Manchmal wird der eigene Kopf auch sichtbar in Form von Körperbildchen. Zum Leidwesen der altvorderen Fossilen sind altersadäquater Slang und flotte Sprüche kennzeichnend für diese Lebensphase. Es gibt Jugendliche, die beispielsweise „Fuck“ und „Oida“ wie ein Komma verwenden. Die üble Sprache gibt sich meistens wieder, die Tatoos hingegen bleiben. Parallel zu den Studienjahren werden dann Fremdwörter und neuerworbene Fachtermini strapaziert. Auch das nervt hin und wieder.

Schlaumeierei

Ich lehre an einigen Universitäten und beobachte amüsiert, wie Erstsemestrige mit sekundärem Wissen um sich werfen und andere Diskutanten laufend zwingen Inhalte zu definieren. Leider nehmen sie es einige Semester später mit den Definitionen nicht mehr so genau. Stattdessen werden Hypothesen aufgestellt und Behauptungen durch Hausarbeiten geschossen, als gäbe es kein Morgen. In dieser Lebensphase haben Schachtelsätze und Nominalkonstruktionen, also „Verhauptwortungen“, Hochsaison. Die meisten kommen als schüchterne Abiturienten und bald schon hauen sie so auf den Putz mit ihren künstlich geschraubten Formulierungen, dass die Zwischenwände umfallen. Verbale l’art pour l’art wird in dieser akademischen Phase gerne betrieben.

Worte & Werte

Aber nicht nur unser Alter entscheidend darüber, wie wir denken und sprechen, sondern vor allem die Lebenssituation in der wir uns gerade befinden. Beispiel: Leo, 33, war vor kurzem noch ein Draufgänger. Seit seine Barbara ihn mit der Vaterschaft geadelt hat ist er nahezu spießig. Auf den SUV für Frau und Kind besteht er aus Sicherheitsgründen, dabei war er noch vor kurzem überzeugter Radfahrer im innerstädtischen Bereich. Seine Wertelandschaft scheint sich mit dem ersten Kind verändert zu haben. Er argumentiert plötzlich anders als noch wenige Jahre zuvor und ist hörbar bürgerlicher. Alles unterliegt für ihn dem Prinzip von „Ursache und Wirkung“. Immer öfter fühlt er sich von seinen alten Freunden deshalb unverstanden. Als Vater und Vorgesetzter hat er neuerdings die „Wenn/Dann“-Schere schneller zur Hand, als ihm bewusst ist.

Martialische Wurzeln

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Klischeekorrekt will er sich als Alleinverdiener in seiner Wertschöpfungsphase (Peak: zwischen 30 und 45 Jahren) gerne mit anderen messen. Er und viele seiner Bürokollegen kommen früher als 8 Uhr morgens und bleiben länger als 5 Uhr, was ihnen zu Hause nicht nur Fellwärme beschert. Manche „Mainstream-Talker“ formulieren im Business so martialisch, als wären sie im Krieg. Sie tragen Uniformen in Form von mehr oder weniger gut sitzenden Hemden, Sakkos mit Schlips und reden von „Targets“, die sie erreichen müssen, um den „Mitbewerb auszustechen“. Wie kriegerisch die Formulierungen auch sind, zumindest einen Zweck erfüllen sie: Bilder werden transportiert. Optimaler wäre, wenn die bildhafte Sprache nicht nur aus Kriegsvokabeln und Schlachtrufen besteht – z. B.: „Die Grabenkämpfe zwischen den Firmenfronten verhärten sich“, „Er ist ins feindliche Lager übergelaufen und arbeitet nun bei der Konkurrenz.“ Worten wie „Zielscheibe“, „Dolchstoß“ oder „Kanonenfutter“ erinnern an die martialischen Wurzeln.

In diesen Jahren geht es Leo ums „Geld verdienen“. Schnell werden Gesprächspartner nach „wertvoll“ oder „wertlos“ sortiert. Relevante Sinnfragen zu seiner Tätigkeit keimen bei ihm noch nicht auf. Daheim macht er es sich gemütlich und jongliert recht selbstzufrieden zwischen Eigenheim, Firmenalltag und Kinderlogistik. Ich-Zeit bleibt kaum.

vom Haben zum Sein

Der US-amerikanischen Bestsellerautor Tom Woolfe, 85, hat mit „Fegefeuer der Eitelkeit“ Menschen beschrieben, deren Maxime profitorientierte Gewinnoptimierung ist. Ausgerechnet diese Wettbewerbs-Attitüde kommt bei Menschen, die schon eine Lebensphase weiter sind nicht so gut an.

sampc1de9ad6be8d7ea4Sie finden vielleicht eher, dass es in unserer Welt am meisten fehlt am „SINNDOLLAR“ fehlt. Diese „komplementäre Währung“, würde uns helfen Menschen, wie Leo nicht nur nach seinem Gehaltszettel oder seinen edlen Worten zu bewerten, sondern nach dem tatsächlichen Wert seiner Arbeit für unsere Gesellschaft.

Steve Jobs, †56, beispielsweise war ganz oben und hat uns noch am Sterbebett mitgegeben, wofür es sich zu leben, lieben und kämpfen lohnt. Er hat uns damit mehr als nur einen Apfel hinterlassen.

Auch Richard Branson, 66, zeigt in seinen Vorträgen klar auf, dass ihm nach den  kommerziellen Unternehmen seine karitativen Unternehmungen mehr Sinn garantieren. Den Nektar für seinen Selbstwert zieht er zwar heute immer noch aus der Gestaltungsenergie – nur setzt er diese heute besser ein.

Fazit: Durch unsere Sprache verraten wir mit welchen Werten und Geisteshaltungen wir uns umgeben. „Mainstream-Talker“ sind dabei schnell entlarvt. Auch für die Kommunikation gilt: Weg vom HABEN hin zum SEIN! Nicht jede Begegnung muss sich um den eigenen Statusgewinn und Profit drehen.

2 thoughts on “Die Mainstream-Talker

  • Reply Ljubica Škrobonja 13. Dezember 2016 at 10:58

    Liebe Tatjana, das ist so gut und so wahr,ich habe es als Spiegel erlebt, und stärkste,für mich , ist der letzte Satz. Ich danke Dir von Herzen für dein Schreiben und Dein Sein

    • Reply Tatjana Lackner, MBA 19. Januar 2017 at 8:37

      och, danke für das feine Feedback!

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