Komfortzone verlassen und was dann?

Alle wollen raus aus der Komfortzone. Warum nur? Ich nicht mehr. Viele Jahre hab‘ ich ohne doppelten Boden gelebt und bin voll auf Risiko gegangen. Schwanger mit 19, selbständig mit 24, am Stück 33 Jahre lang geraucht, klinisch tot mit 35. Nein, kein Nah-Toderlebnis. Die gute Nachricht dafür: Ich habe überlebt. Oft wurde ich gescholten: wie verantwortungslos, zu viel Arbeit, für Kinder wenig Sicherheit, ein viel zu gefährliches Leben, lieber leiser treten.

Heute ist die Welt kälter und ich älter als noch vor 10 Jahren. Alle sehnen wir uns spürbar stärker nach Sicherheit für uns und unsere Lieben. Den eigenen Schweinehund gelegentlich mal zu überwinden ist völlig okay, aber dauernd „Welt retten“ zu spielen, grenzt an blanke Selbstüberschätzung. Uff! Für manche wäre es wirklich besser, sie würden wenigstens innerhalb ihrer eigenen Komfortzone endlich mal eine Expertise aufbauen und sich dort unverzichtbar machen. Daheim fehlen und im Job wenig reißen, rechtfertigt die empfundene Wichtigkeit noch nicht. Diese Doppelschlappe bringt keinem was, am wenigsten dem eigenen Ego. Warum erzählen Menschen 2017 anderen immer noch, dass sie ausbrechen sollen aus Konventionen? Ich sehe links Extreme und rechts Fanatiker, aber weit und breit kaum mehr Konventionen. Die Mitte scheint sich sogar politisch in Luft aufgelöst zu haben. Einst spießige Gesellschaftskreise haben Flügel gebildet und sich in Splittergruppen verteilt. Die jeweiligen Anhänger verziehen sich dort offenbar lieber in Ecken und zuweilen zwielichtige Nischen ohne klare ideologische Kanten. Platz gibt es jetzt dafür im Zentrum genug. Dort, wo vor einigen Jahren alle herum gestanden sind, ist Platz, den großen Komfort erleben dafür nur noch wenige. „Auf Risiko“ setzen, ist zur Mainstream-Lüge geworden und führt allzu häufig sozial bergab. Jemand, der ein schlechter Verkäufer ist und auch noch beschließt sich selbständig zu machen, verlässt durch die mangelnde Selbsteinschätzung seine Komfortzone noch nicht, sondern eher seine soziale Absicherung. Mit Anlauf ins Verderben zu galoppieren, ist wenig tugendhaft, dafür „Vollgas Risiko“. Die Kirche im Dorf und den Verstand im Kopf lassen Komfortzonen-Ausbrecher nicht immer. Vor dem Hintergrund, dass unser Leben irgendwann ohne eigenes Zutun begonnen hat und unverhofft enden wird, ist die Geschichte mit der großen Waghalsigkeit für die Jahre dazwischen überschaubar originell.

Gerne überwinden wir uns beim Speckröllchen runter hungern und nehmen ein kalkuliertes Wagnis in Kauf, um unser Ziel zu erreichen. Doch: als Lebens-Credo? Eher ungeeignet. Niemand will schließlich fix in der Risikozone leben. Denn: WAS wollen denn all jene, die manisch aus ihrer angeblichen Komfortzone raus rennen? Sie tun das doch nur, um andernorts alsbald eine neue Komfortzone zu eröffnen. Wie abwechslungsreich! Der beste Beleg dafür sind Auswanderer-TV-Programme, wie beispielsweise „Auf und davon“ oder „Goodbye, Deutschland!“ Viele wollen genauso leben wie daheim aber eben mit besserem Wetter. Verlassen diese TV-Statisten dafür wirklich ihre angebliche „Komfortzone“? Au Contraire! In den meisten Fällen wohnen sie in der Ferne zwar tatsächlich schlechter als zu Hause. Das Kamerateam fängt das Lamento in allen Farben und Tönen dramaturgisch gelungen ein. Doch in kaum einem Fall erlebt der Zuseher eine völlig neue Seite am dokumentierten Auswanderer. Problem: Wer mit Zimmer, Kuchl und Kabinett verreist, verlässt vielleicht die Heimat – nicht jedoch sein Mindset. Karl-Uwe samt Gattin bleibt der gleiche Sepp, wie daheim in Nordrhein-Westfalen. Sein Mindset hat sich nicht verändert, nur die Umstände sind schlechter geworden, und die Umgebungs-Tapete zeigt eine andere Kulisse. Die mutmaßlichen Komfortzonen-Emigranten wollen uns jedoch glauben machen, dass sie nun ganz anders denken, sprechen und ihre Persönlichkeit maßgeblich verändert hätten.

Fazit:. Wir haben uns alle immer und überall dabei – auch dann, wenn wir unsere Komfortzone verlassen um eine neue zu gestalten!

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