ASMR – Die Erotik der Geräusche

Neuer Trend in der Kommunikation

In einer lauten Welt stellen die leisen Töne einen ganz besonderen Reiz dar. Egal, ob es das Knacken von Schnee unter unseren Stiefeln im Winter ist, oder das Knistern der Holzscheite im Lagerfeuer. Für hunderte YouTuber geht es beim neuen Trend “Autonomous Sensory Meridian Response” – kurz ASMR genannt – um Sinnesreize der Verarbeitungszentren im Gehirn.

ASMR ist ein neuer Kult, der durch das Internet wandert: Junge Menschen sitzen vor einem Mikrophon und essen ihren Zusehern besonders leise mit sanften Schmatzgeräuschen etwas vor. In einem anderen Clip reibt eine Oma Chips durch ein Sieb. Sie ist dabei so sanft und langsam, dass man akustisch nur minimales Knacken oder Rascheln hört. Diese kleinen Geräusche haben große entspannende Wirkung. Die Achtsamkeits-Gemeinde müsste begeistert sein.

Der eine liebt den Klang, wenn jemand Teig knetet, der nächste fährt völlig ab auf glibbernden Slime, der ganz langsam von einer Hand in die andere gegatscht wird. Diese Geräusche lassen für hunderte Zuseher Emotionen entstehen. Dem einen schenken sie Entspannung oder Einschlafhilfe und manchem sogar sexuelle Erregung.

Synästhesie heißt das Zauberwort

Für manche Menschen haben Zahlen oder Buchstaben zugeordnete Farben. Sie sind Graphem-Farb-Synästhetiker. Für mich beispielsweise ist die Zahl 5 rot und 6 sehe ich in blauer Farbe. Mir ist schon in der Schule aufgefallen, dass es mich gestört hat, wenn meine Sitznachbarin diese Zahlen in Grün oder Braun geschrieben hat, weil sie in Mathematik das Rechenresultat farblich hervorheben wollte.

Andere hingegen assoziieren Farben mit Klängen. Mozart, Jimmy Hendrix, Billy Joel oder Kayne West gehören zu den Chrome-Synästhetikern. Auch einige Maler sind darunter, Wassily Kandinsky beispielsweise. Er besuchte im Januar 1911 ein Arnold Schönberg Konzert und malte ein Bild alleine auf Basis seiner Höreindrücke im Streichquartett. Nur 4% der Bevölkerung besitzt diese schrägen neurologischen Fähigkeiten. Die Schauspielerin Tilda Swinton zum Beispiel hört Worte und verbindet damit sogar eine Geschmacksrichtung. “Tisch” assoziiert sie mit dem Geschmack einer Tomate. Wogegen die “Tomate” selbst für sie eher nach “Zitrone” schmeckt.

Gefühls-Synästhetiker kommen häufiger vor und entspannen sich bei kleinen leisen Geräuschen des Alltags: Wenn jemand von einem getoasteten Brot abbeißt oder sie dem Klang von Wassertropfen lauschen können. Viele versetzen diese mal leisen knisternden, aber auch blubbernden Geräusche in Wohlbehagen. Manche erinnern uns an die Kindheit, andere helfen uns Stress abzubauen und innerlich loszulassen. ASMR-Laute brauchen nicht zwingend Worte, aber sie geben uns das Gefühl von Geborgenheit. Ja, es gibt sogar Menschen, die finden ASMR erotisch.

ASMR – Die Erotik des Sprechens

Natürlich vermag auch die Sprache, und hier besonders die Zungen- und Lippenlaute, Gefühle in uns zu wecken. Für einige Männer klingt genau deshalb Französisch so erotisch, weil diese Sprache mit vielen Nasalklingern (beispielsweise: M, N, NG) und Hauch gebildet wird. Wogegen Plosive, wie das harte “T”, “G” und “K” durch den Explosivlaut wenig Intimität erzeugt – ein stimmhaftes “G” wie beim Wort: “Königin” oder “Regierung” dagegen schon. Überhaupt sind es eher die Laute und Buchstaben, die nur mit Luft und nicht mit Stimme gebildet werden, die Atmosphäre schaffen. Sogar Babys lassen sich beruhigen durch kleine speichelnde Geräusche und sanftes Zungenschnalzen am Obergaumen.

Fazit: Beim richtigen Sprechen geht es nicht darum durch die Stimmbänder zu föhnen oder Nachrichtentexte erotisch zu hauchen. Dennoch scheinen die leisen Töne neuronal zu wirken und Emotionen hervorzurufen. Es ist aber auch alles in Ordnung, wenn Sie beim Schmatzen Ihres Gegenübers nichts empfinden, außer Unbehagen.

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