Autophagie in der Sprache

Intermittierendes Schweigen 

Stundenweises Fasten ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und viele Menschen stellen ihre Ernährung um. Dem japanischen Forscher Yoshinori Ohsumi wurde 2016 für seine Forschungen über “Autophagie” sogar mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Wer 16 Stunden intermittierend Diät hält, der setzt diese “Autophagie” in Gang. Das bedeutet, dass der Körper kaputte Zellen selbst auffrisst und eine Art Selbstheilung anläuft. 

Wer sagt uns, dass das bei der Sprache nicht ebenfalls so ist? Schon 2006 habe ich in meinem Buch “Rede-Diät” auf die Ähnlichkeiten zwischen unserer Ernährung und der Sprache hingewiesen. Immer noch sprechen die Menschen zu viel, zu fett und zu wahllos. Sprachspeck sammelt sich in Form von Füllworten oder Floskeln an und der Artikulationsapparat wird mit den Jahren träge. 

Vielleicht gibt es auch eine gedankliche Autophagie, wenn wir zeitweise schweigen? Wer acht Stunden und mehr am Tag redet, weil der Job und die Familie ein hohes Maß an Kommunikation verlangen, der sollte zum Ausgleich nichts sagen. 

Wir alle lauschen Unmengen von “ausgesprochenem” Müll; ob wir wollen oder nicht. Dem oberflächlichen Gezwitscher in der U-Bahn zwischen Kolleginnen am Weg zur Arbeit, beispielsweise: “Du weißt, dass ich das sonst nicht erzählen würde, aber stell’ dir vor, die Müller mit dem Niederreiter aus dem Vertrieb Schluss gemacht. Weiß Du auch warum? Wegen dem Juniorchef! So eine liederliche Person.” 

Bevor wir noch unseren Arbeitsplatz erreicht haben, warten bereits kleine Small-Talk-Schikanen: “Na, wie war das Wochenende? Ich sag immer: Glück ist, wenn man keine Termine und leicht einen sitzen hat. Stimmt’s?” 

Danach geht es ab ins Morgenmeeting: “Guten Morgen, liebes Team. Für heute waren kurze “Reportings” aus jedem Bereich angesetzt. Legen wir gleich mit Ihnen los!” Jemand zeigt auf Sie. 

Während der Besprechungen türmen sich die Anrufe, Mails und Sprachnachrichten. Wir arbeiten uns durch die Rückrufliste. Die Gespräche verlangen uns die Grundrechnungsarten der Kommunikation ab: Argumentieren, Erklären, Präsentieren und Hinterfragen – all das noch vor dem Mittagessen. In der Kantine sind wir mit Arbeitskollegen verabredet. Da ist „Socializing“ angesagt und sich austauschen über Abläufe in anderen Abteilungen, denn Information bedeutet Vorsprung. 

Auch am Nachmittag müssen wir weiter sprachlich performen, denn der Tag ist noch nicht um. Unsere grauen Zellen erneuern sich jedoch nur, wenn wir Gedanken verarbeiten. Während des Tages ist das unmöglich; da bricht eine Flut an Informationen über uns herein. 

Verstehzusammenhänge kann man jedoch nur dann schaffen, wenn man dafür Muße und die Zeit hat. 

Manche schwören in diesem Zusammenhang auf Meditation, andere schweigen beispielsweise beim Lesen, Sporteln oder Kochen. Hilfreich ist es, sich bewusst Zeitfenster im Kalender einzuplanen und den Gedanken Auslauf zu gönnen. Erst, wenn wir Ruhe finden, nehmen wir wertvolle Informationen und Feedback aus unserem Inneren wahr. Kränkungen oder Statuskämpfe werden leichter verdaut, wenn sie uns bewusst sind und nicht in der Tiefe brodeln. In viele Menschen kämpfen innerlich Kränkungen mit Vergeltungsfantasien oder Eifersucht mit ohnmächtiger Wut. 

Gedankliche Autophagie durch intermittierendes Schweigen wäre wohltuend und würde auch emotional Ordnung schaffen. Schließlich läuft morgen der Redemodus wieder auf Hochtouren. Nur wer nachdenkt, kann reflektieren. Deshalb befreien wir uns besser regelmäßig vom alten Müll. Wie bei unseren Computern gilt: Der Papierkorb muss von Zeit zu Zeit geleert und die Cookies gelöscht werden. 

Unsere Stimme dankt es uns bestimmt auch, wenn wir sie ein paar Stunden schonen. „Redefasten“ darf jedoch nicht mit medialer Beschallung verwechselt werden. Zwar sprechen wir vor dem Fernsehapparat deutlich weniger, aber dabei findet noch keine geistige Leistung statt. 

Klar ist: Für die Verarbeitung unserer Emotionen und Gesprächssequenzen bleibt oft nur die Nacht mit ihrem Paralleluniversum “Traumwelt”. Schade, denn viele unserer Gedanken wären durchaus wert, in Ruhe und vor allem im bewussten Zustand analysiert zu werden. 

Fazit: Das Schweigen kommt in unserem Alltag zu kurz. Die meisten beeilen sich nach der Arbeit nach Hause, denn auch dort warten liebevolle Gespräche, inhaltliche Diskussionen und emotionale Fights. Das ist gut und wichtig, denn wir haben für unsere Lieben ohnehin zu wenig Zeit – von der „Ich-Zeit“ ganz zu schweigen. Und dabei ginge es genau darum: Zeit zu haben um zu Schweigen. 

 

2 Antworten zu “Autophagie in der Sprache”

10. Januar 2019 um 14:51, Michael Müller sagt:

Hallo,

ich bin der Michael aus St. Pölten und ich musst die ganze Zeit über Lächeln, wie ich diesen Beitrag gelesen habe.
Ich war längere Zeit von meinem gewohnt Umfeld und von meinen Freunden und Familie getrennt und hatte sehr viel Zeit nachzudenken. Ich finde genau das fehlt den Leuten. Zeit.
Zeit seine Gedanken, Erlebnisse, Gefühle usw. Zu ordnen oder sie einfach mal zu genießen.
Ich merke es bei meinen Eltern, dass alleine Stille oder „Nichtstun“, ein großes Problem ist.

Ich hätte noch eine Frage und zwar wie viel die Ausbild zum Business Rhetorik Couch kostet?

Danke für Ihre Antwort!

Liebe Grüße
Michael Müller

10. Januar 2019 um 15:23, Tatjana Lackner, MBA sagt:

> Lieber Michael, vielen Dank für Ihre netten Worte!
Damit Sie bei uns die Ausbildung zum Business Rhetorik Couch machen dürfen, sollten Sie zuerst Business Rhetorik Diplom absolviert haben. Mehr Informationen dazu finden Sie unter https://sprechen.com/business-rhetorik-diplom/ . Falls Sie noch Fragen haben, rufen Sie uns einfach an oder schreiben Sie uns eine E-Mail!

Liebe Grüße aus der Schule des Sprechens