Gibt es Märchenkrankheiten?

Krank wie im Märchen

Viele harmlos klingende Märchenkrankheiten zeigen, dass es bei der Verwandlung vom Mädi hin zur Lady ordentlich ruckeln kann in der Psyche. Manche bleiben in den von kreativen Psychologen zugeschriebenen Syndromen regelrecht stecken. Das „Disney Syndrom“ beispielsweise hat demnach eine Frau, die permanent auf der Suche nach Mr. Right ist und immer wieder scheitert, weil sich das aktuelle Objekt der Begierde ein weiteres Mal nicht als der tolle Prinz entpuppt hat. Ganze Staffeln haben sich bereits im alten Millenium mit den „Sex and the City“-Girls auf die Suche nach dem Richtigen gemacht. Die Protagonistinnen bedienten damals den Zeitgeist und waren bei der Männersuche ganz unterschiedlich erfolgreich. Schuld am „Disney Syndrom“ sind angeblich die Traumfabriken Hollywoods mit ihren gecasteten Prinzen, die uns zu übersteigerten Erwartungen verleiten. Der Teufelskreis beginnt, wenn Mädchen schon in der Kindheit medial konditioniert werden und nach dem „Traummann“ gieren. Wer die schönsten Liebespaare als Role-Models zu ernst nimmt und mitschleppt ins Erwachsenwerden, der läuft mit dem Soundtrack der Walt Disney-Filmmelodien in die eigene Lebensfalle. Susi und Strolch, Pocahontas & John Smith, Nala & Simba,  Beauty and the Biest, Aladdin und Jasmine oder Cinderella und ihr Prinz – sie alle wollten uns bestimmt nie Schaden zufügen, haben aber Generationen von Mädchen geprägt.

Ausgerechnet nach Cinderella ist gleich wieder eine Frauenkrankheit benannt. – Am „Aschenputtelsyndrom“ leidet nämlich jene Geschlechtsgenossin, die das prekäre Gefühl hat: alle werden beachtet, nur ich stehe im Abseits. Daheim bei den Kindern steht sie am Herd, zerrauft und in Haushaltsklamotten zwischen Geschirrbergen, Wäsche oder Gartenarbeit und ist gänzlich abhängig vom Partner. Die erfolgreiche amerikanische Journalistin Colette Dowling entdeckte diese „Aschenputtel“-Seite erst bei sich, dann bei unzähligen anderen Frauen. Hunderttausende Frauen auf der ganzen Welt haben ihr Buch “The Cinderella Complex – Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit“ gelesen.
Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zum „Kassandrasyndrom“: Schwarzseherinnen und Untergangsdienerinnen haben es schwer, die rosarote Brille zu finden und aufzusetzen. Zum einen vermuten sie hinter jeder Nachrichtenmeldung eine Katastrophe, zum anderen wollen sie auf den Worst-Case gut vorbereitet sein. Für Betroffene ist das Glas des Lebens halb leer statt halb voll. Schade, dass die Betroffene nicht erkennt, dass man jedes Gefäß nachfüllen kann.

„Dornröschensyndrom“ nennt die Psychologie das furchtbare Dilemma, wenn eine Frau vor Selbstzweifel wie gelähmt ist. – Bei diesem „Kleine-Levin-Syndrom“, so wird diese höllische Krankheit auch genannt, leidet die Betroffene unter charakteristischen Schlafstörungen. Bis zu 22 Stunden schlafen Frauen und sind nur wenige Stunden ansprechbar. Heißhungerattacken können nach dem Aufwachen folgen. In den härtesten Fällen stellt sich der „Normalzustand“ nie wirklich ein. Auslöser für diese seltene Krankheit (1:1 Million Frauen) waren meist anstehende Zukunftsentscheidungen, die zur völligen Überforderung führten. Märchenkrankheiten betreffen aber nicht nur uns Frauen.

Verhaltensirritationen lassen sich auch bei Männern finden. Das „Peter-Pan-Syndrom“ beispielsweise wurde schon in den 80er Jahren vom Familientherapeuten Dan Kiley beschrieben. Ein Peter Pan-Kandidat scheut laut Lehrbuch Pflichten und Verantwortung, negiert die Schuld am eigenen Scheitern und hält nicht viel von Disziplin. Wie so häufig liegen die Gründe für sein unreifes Verhalten in seiner Kindheit. Ergebnis: zwischenmenschliche Beziehungen gestalten sich schwierig. Wer sich an einen dieser selbstverliebten Männer bindet, wird von seinen Machoallüren enttäuscht sein. Je mehr Druck Frau macht, umso weniger Verantwortung übernimmt der Gute und signalisiert gleichzeitig, dass er gar nicht erwachsen werden will. Dabei lässt er sich anfangs recht schnell auf Beziehungen ein – auf der Suche nach der nächsten Bestätigung. Nicht jeder Mann, der mit Mitte 30 noch Sneakers, Cap und Hoodie trägt, ist gleich ein Peter Pan. Wer mit knapp 40 Jahren noch gerne Skateboard fährt oder mit der Playstation spielt, gibt allerdings schon Selbstauskunft bei derlei Vorlieben über ein kindlich-kreatives Gemüt.

Nicht immer tragen Männer Schuld an schwierigen Beziehungen. Manchmal bekommen Töchter ihren Knacks auch von der eigenen Mutter. Das „Schneewittchen-Syndrom“ speist sich aus dem Mutter-Tochter-Konflikt. Die Königin-Mutter wird zur Rivalin für die eigene heranwachsende Tochter. Der Buchautor und Therapeut Dr. Mathias Jung spricht gar von Seelenvergiftung. Viele Mütter beneiden ihre Töchter und geben das nicht offen zu, stattdessen versuchen sie ihre Töchter zu beherrschen. Diese Schneewittchen-Frauen sollten sich laut Jung später die Frage stellen: „Womit hat mich meine Mutter vergiftet?“ Distanz schaffen zur übergriffigen Mutter wird nötig, obgleich emotional schwierig. Schließlich will jedes Kind geliebt und nicht gepiesackt werden. Es kann Jahre dauern bis die Schneewittchen-Frau ihr Syndrom selbst erkennt. Wer gesteht sich gerne ein, dass man eine narzisstische, dominante Mutter im Lebenslauf hat, die einem als Tochter subversiv das Leben zur Hölle macht. Psychologisch gesehen ist die Mutter natürlich schwach und von Konkurrenzangst und Neid getrieben, weshalb sie – manchmal sogar unbewusst – das Ich der Tochter zerstören will.

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