Die Doppelkinn-Bremse

25. Mai 2022 von Tatjana Lackner, MBA

Die Doppelkinn-Bremse ist optisch erkennbar an seitlich angespannten Mundwinkeln und einem nach hinten geschobenen Kopf. Sie kann ein körpersprachliches Signal dafür sein, dass jemand bockig oder gerade unwillig ist. Begleitet wird sie klischeekorrekt von verschränkten Armen, Zurücklehnen im Sessel und offensichtlichem “Nichtteilnehmen” am Gespräch. Sogar online begegnen uns die Doppelkinn-Bremser: Unmut äußert sich eben auch körpersprachlich! Beispiel: Jemand stimmt inhaltlich dem vereinbarten Procedere absolut nicht zu, möchte sich jedoch nicht outen, und schon sieht man, wie sich seine seitliche Mundmuskulatur anspannt und sein Gesicht ausdrückt: “Was für ein Blödsinn. Mir ist es wurscht. Ich sag nichts.” 

Durch den gespannten „Entenmund“ erleben wir die üble Stimmungslage vor allem bei “Systemfrustrierten” in großen Konzernen oder im staatlichen Apparat. Viele von ihnen nehmen zwar an Besprechungen teil, haben aber in Wahrheit vor vielen Jahren innerlich gekündigt. Uninspirierter “Dienst nach Vorschrift” und Warten auf die Pension macht sich irgendwann auch im Gesicht bemerkbar. 

Menschen, die sich am liebsten selbst recht geben, leiden an dieser Haltung – einige davon nicht nur situativ, sondern ein halbes Leben lang ohne Aussicht auf Heilung.  

Die meisten Doppelkinn-Bremser sind eben schlicht Rechthaber erster Güte. Diese „Universalauskenner“ kennen bereits die Antworten auf alle Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. 

In der Politik oder bei Versammlungen und Ausschüssen wird das Unterkiefer gerne dann ins Doppelkinn gedrückt, wenn jemand nichts sagt und auf heikle Fragen nicht angesprochen werden möchte.  

Manchmal bringt die subjektiv empfundene Siegesgewissheit jemanden dazu, den Kopf in der beschriebenen Stellung zu parken: Wenn beispielsweise Herr Mayer glaubt, einen stechenden Trumpf in der Tasche zu haben, dann legt er sein Kinn schon mal tiefer – nach dem Motto: “Damit habt ihr wohl nicht gerechnet!” 

Immer mehr Durchschnittsredner werden zu Keynote Speakern gehypt und tummeln sich auf Messen, Panels, Galas zwischen Rednerpult und Talk-Sofa. Für alle im Saal erlebbar fühlt sich Gerhard Gewöhnlich unwohl. Schließlich soll er seine Firma, sein Know-how und auch noch sich selbst gelassen präsentieren. 

No-Names wie Gerhard sind mit der exponierten Bühnensituation sichtbar überfordert und so kann sich ebenfalls eine Art der Doppelkinn-Bremse einstellen. 

Fazit: In unangenehmen Redesituationen klingt unsere Stimme anders. Die Doppelkinn-Bremse drückt auf den gesamten Kehlkopfbereich und zerquetscht das Gesagte. Die Stimm-Modulation leidet. Deshalb: „Kopf hoch! Der Rest wird schon!“ 

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