Krokodile in der Kommunikation

Unfaire Gesprächsführung

Egal, wohin man derzeit schaut: Die Brüskierer sind auf dem Vormarsch und kommen weiter, als die meisten ihnen das zugetraut hätten. Das gilt in der Politik für Marine Le Pen in Frankreich, Donald Trump in den USA und auch für den türkischen Präsidenten Erdoğan. Im Nahen Osten sind die Haudraufs lauthals unterwegs. Und auch in Nordkorea ist Kim Jong-un als Diktator kein Spaß. Dabei ist dieser Trend nicht nur auf dem politischen Parkett zu beobachten, auch in der Wirtschaft und in der Pflege kommen die ganz Schlauen schon bei der Tür herein. Herr und Frau Sehrgut sind top informiert und sagen uns gleich wo es lang geht. Selten haben sie Interessen an unseren Sichtweisen, lieber holen sie sich ein Okay für die eigene Diagnose.

Hilfe, die Brüskierer kommen!

Nicht ein Raum, sondern das Gesicht des Gegenübers wirkt betreten, sobald sich ein taktloser Brüskierer nähert. Dort wo andere Menschen die Gesprächstüre vorsichtig einen Spalt öffnen und fragend um Einlass bitten, treten Brüskierer das Tor zur Kommunikation schlicht, ein. Wumm!

Brüskieren kommt vom französchen Wort „brusquer“ und bedeutet: jemanden schroff behandeln, barsch anfahren oder durch eine distanzlose Frage vor den Kopf zu stoßen.

Welchen Nutzen haben die forschen und zuweilen unsympathischen Zeitgenossen von ihrer Gangart? Bei näherer Betrachtung ist der Nutzen recht offensichtlich: Wir leben in einer ungeheuer schnellen von Reizen überfluteten Welt, in der es sehr schwer geworden ist, den Nachbarn wachzurütteln, zu schockieren bzw. spontan zu begeistern. Zwar schaffen es brillante Redner immer wieder, ihren Zuhörern die Tränen in die Augen zu jagen, doch nicht jeder hat so viel Charisma oder Redetalent um andere zu berühren. Wie verhaltensauffällige Kinder benehmen sich Brüskierer und glauben durch die Abkürzung auf die emotionsfreie Sachebene ihr Ziel schneller zu erreichen. Ihnen ist egal, ob sie dafür Sympathiewerte aufs Spiel setzen. Hauptsache, ihr Anliegen wird gehört und flott bearbeitet.

Solche Menschen halten sich nicht lange auf der Beziehungsebene auf. Sie kommen lieber gleich zum Punkt. Diese unhöfliche Kommunikationsform belohnt sie dann auch noch mit drei Vorteilen:

  1. Brüskierer formulieren, was Sache ist. Durch diese brüskierende Art erreichen sie maximale Aufmerksamkeit.
  2. Ja, manchmal lösen sie sogar (negative) Emotionen ausgelöst
  3. Sie demonstrieren Ecken und Kanten in einer Welt, die sich ohnehin nach Klartextern sehnt.

Zum Glück gibt es aber auch ausreichend Nachteile für Formfehler dieser Art. Schon für den römischen Top-Trainer der Rhetorik, Quintillian, stand vor 2.400 Jahren fest:

„Wer das Ohr beleidigt, dringt nicht zur Seele vor!“

Brüskierer stoßen schneller an ihre Grenzen. Sie bekommen zwar rascher Antworten, aber seltener seelischen Zuspruch. Wie auch? „Geh’ Blödsinn“, „Stimmt nicht“, „Na, das sehe ich aber ganz anders“ … Meldungen dieser Art sind atmosphärische Showstopper und die gute Laune ist schnell perdu im Meeting, Telefonat oder Beziehungsstreit. Mit der guten Miene des Brüskierten verabschiedet sich gleichzeitig auch der „Goodwill“ zur Veränderung oder seine kulante Haltung. Warum sollte man jemandem, der einem mit dem Gesäß ins Gesicht fährt, auch noch inhaltlich entgegen kommen? Der Kommunikationsweg kommt dem Brüskierer nur deshalb kürzer vor, weil er ihm abgeschnitten wird. Einige Millionen Male täglich endet Kommunikation in der Sackgasse. Jeden Tag stehen unwirsche Menschen im Dead End und glauben Zeit gespart zu haben. Dabei wollen wir Menschen Probleme lösen und uns für Erfolge feiern lassen. Siege kann man dabei auch auf dem Feld der Kommunikation erringen.

Fazit: Ein hitziges Wortgefecht allein ist jedoch noch keine Fanfare wert. Erst, wenn neue Arrangements getroffen werden, hat sich unser Worteinsatz gelohnt. Schlicht die Bereitschaft Rücksicht walten zu lassen, Ergebnisse zu erarbeiten und der Wunsch auf einen „grünen Zweig“ zu kommen wird von anderen als kooperative Geste gewertet und mit Zugeständnissen belohnt.

 Hier geht es zum Kurzvideo: Schwarze Rhetoriker - Killerphrasen