Martin Haidinger im Interview

Tatjanas Buchtipp: „Franz Josephs Land“

Wir haben tolle Kunden und Freunde der Schule des Sprechens, die selbst Buchautoren sind. – Ihnen habe ich in unserem monatlichen Newsletter eine Fixkolumne gewidmet. Gerne interviewe ich vielseitigen Autoren, Sammler und Experten. Manchmal präsentiere ich diese Gespräche auch in meinem Blog. – hier das Interview mit Buchautor Martin Haidinger. Sein nächstes Buch heißt „Jedermanns Land“ und erscheint 2018:

Interview mit Martin Haidinger:

Tatjana Lackner:

Rechtzeitig zum 100 Todestag († 21.11.1916) von Franz Joseph strömen noch mehr Bücher auf den Markt. Dabei gab es schon einige. Hast Du Dein Buchthema auch nach kaufmännischen Gesichtspunkten gewählt? Was konkret hat Dir auf dem Buchmarkt noch gefehlt?

Martin Haidinger:

Obwohl ich kein zwanghafter Gedenktag-Fanatiker bin, kommen natürlich Jahrestage wie dieser nicht ungelegen. Eine reine Biographie des längstdienenden Habsburgerkaisers ist „Franz Josephs Land“ trotzdem nicht. Ich habe Franz Joseph I. vor allem zum Aufhänger für dieses Buch gemacht, das auf knapp über 300 Seiten eine kompakte Erzählung österreichischer Geschichte von Ötzi bis zum alten Kaiser bieten will –  ironische Untertöne inklusive. Und ich glaube, dass genau das eine neue Facette auf dem Markt der derzeit erhältlichen historischen Österreich-Bücher ist.

Tatjana Lackner:

Aus Deinem Buch erfährt man wieder einmal bildreich erzählt, dass unsere Alpenrepublik schon mal schillerndere Zeiten erlebt hat. Wofür steht Österreich Deiner Meinung nach heute?

Martin Haidinger:

Gute Frage, aber auch schwierig zu beantworten! Wie unterschiedlich die Eigenwahrnehmungen im Land sind, sieht man an der derzeitigen politischen Polarisierung, die mindestens zwei wenn nicht mehr Österreichs erkennen lässt. Nach außen siehts eher blass aus, glaube ich. Noch 1984 fragten mich biedere Durchschnittsengländer, ob es für mich schwierig war, als Sprachschüler nach Großbritannien zu reisen, wo doch Österreich ein Land des kommunistischen Ostblocks ist … . Mittlerweile assoziiert man in der Welt „dank“ der Waldheim-Affäre und der schillernden Figur des verwichenen Jörg Haider schon wieder ganz anderes mit unserem Land; aber natürlich polieren Pop-Kultur-Helden wie Arnold Schwarzenegger oder Christoph Waltz das Image dann wieder auf. Ich selbst habe ein positives Bild von Österreich. Es ist ein gutes Land. Mal sehen, ob ‘s so bleibt….         

Tatjana Lackner:

Wäre eine parlamentarische Monarchie (analog: Luxemburg, Schweden, Dänemark, Spanien) nicht auch für uns viel besser? Das Parlament könnte tun, was es soll: Gesetze machen und der Souverän hätte maximal Vetorecht. Er wäre also keine Gefahr. Unser Vorteil: Österreich würde bei jeder Verlobung, jedem Baby, etc. auch in der Gala & Co stehen. Der Exportschlager „Monarchie“ brächte uns viele Tantiemen und der Fremdenverkehr würde florieren. Die heimische Wirtschaft würde aufatmen, denn viele Geschäfte hätten wieder ein Adelsprädikat, wie ehemals die k.u.k-Lieferanten

Martin Haidinger:

Haha, ja, von diesem Standpunkt aus wäre das natürlich ein  guter Tourismus-Gag. Realpolitisch haben Monarchen wie z.B. König Juan Carlos, der 1981 in Spanien einen Putschversuch rechtsradikaler Offiziere verhinderte, bewiesen, dass sie durchaus über eine gefestigte Demokratie wachen können. Wie viele Monarchien gibt es heute innerhalb der EU – zähl einmal nach!  Ob das alles auf Österreich anwendbar wäre, bezweifle ich aber. Trotz des  nicht immer zufriedenstellenden politischen Personals haben die Menschen hierzulande die Republik verinnerlicht. Außerdem hat der Schriftsteller Joseph Roth seinerzeit bemerkt, dass der österreichische Kaiser nur „von Gottes Gnaden“ herrschen kann, während anderen Monarchen ein Mandat aus Volkes Hand reicht. Und die Zeit dieses Gottesgnadentums ist ja doch eher vorbei.   

Tatjana Lackner:

Die Habsburger waren 500 Jahren lang Berufspolitiker mit ausgezeichneter Ausbildung, vielsprachig und bis heute bewundert. Seit der NS-Zeit dürfen Sie nicht mehr ins Amt. Wie kam das und ist das gut so?

Martin Haidinger:

Naja, zum Bundespräsidenten dürften sie ja mittlerweile kandidieren. Und ein (Anti-) Habsburgergesetz hat nicht erst Hitler, sondern Karl Renner (bzw. das Parlament)  1919 gemacht. Vor allem die Sozialisten, aber auch die Deutschnationalen   hatten panische Angst vor einer Rückkehr der Habsburger samt Machtübernahme. Das hat sich dann bis nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewirkt, als in der 60er Jahren in der Habsburgkrise alte ideologische Scharmützel zwischen der SPÖ und der FPÖ auf der einen, und der ÖVP auf der anderen Seite ausgetragen wurden, obwohl definitiv kein Putsch Otto v. Habsburgs gedroht hat . Heute ist das meines Erachtens alles überholt, und  die Habsburger regen eigentlich nur mehr ein paar Linksradikale auf.

Tatjana Lackner:

Wir verdanken Joseph II den Prater, Maria Theresia führte die Schulpflicht ein und Franz Joseph das Wahlrecht. Manchmal hat man den Eindruck, als wäre die Modernisierung bei Hofe grundlegender und nachhaltiger gewesen als die politischen Neuerungen in der Gesetzgebung heute. Wie siehst Du das?

Martin Haidinger:

Es gab wohl einige bedeutende Reformer unter den Habsburgerherrschern, aber deren Modernisierungen haben sich über Jahrhunderte hingezogen, sind oft genug gescheitert, oder haben sich eben nur in Zeitlupe vollzogen. Trotzdem ist an Deiner Bemerkung was Wahres dran. Denken wir nur an die Reform des Bildungswesens in der Zweiten Republik; die dauert auch Jahrzehnte und es kommt nichts dabei heraus – und das ganz ohne Habsburger.   

Tatjana Lackner:

Du selbst sprichst auf Ö1, bei Lesungen und Buchpräsentationen und hast auch schon an der Schule des Sprechens in der Prüfungskommission mitgevotet. Was machst Du um Dein Material im Hals fit zu halten. Hast Du konkrete Stimm- und Sprechtipps?

Martin Haidinger:

Ein verhaltensorigineller HNO-Arzt hat mir einmal nach der Untersuchung von Schlund und Kehle geraten, weiterhin auf Whisky und Zigarren zu setzen, um so meine Stimme schön tief und rauchig zu halten. Aber im Ernst : Vieles hängt von der richtigen (Bauch-)Atmung ab. Wenn man die ganz selbstverständlich auch beim Alltagstratsch einsetzt, schont man die Stimme enorm. Im Extremfall, also wenn dann schon eine Stimmbandentzündung da ist, hilft nur mehr mehrtägiges „Stimmfasten“, also totales Schweigen. Eine bittere, aber auch faszinierende Erfahrung!  Auch beim Sprechen als Kulturtechnik ist die selbstverständliche Leichtigkeit ein Idealzustand . Denn wenn man im Alltag schön und verständlich spricht, dann flutscht es auch im Berufssprechen.