Das Spiel mit den Gegensätzen

Immer, wenn die Welt zu kompliziert wird, ist der Wunsch nach vordergründigen, einfachen und schnellen Antworten groß. 12 Stunden Tag –Ausbeutung oder Kooperation? Kopftuch tragen – ja oder nein? Ist die „Me Too“-Kampagne nützlich oder übertrieben? Berittene Polizei in Wien? Ja, aber nur Haflinger? Nein, warum überhaupt? Und Trump – politischer Sumpf oder Trumpf? Selbst mit profanen Themen, wie: Rauchverbot in Lokalen – dafür oder dagegen? lässt sich das Volk leicht unterhalten. Politische Fragestellungen werden immer öfter inszeniert, wie einst „Brot und Spiele“. Die richtungsweisende strategische E-Politik verkommt zur U-Politik.

Das Ja/Nein-Orakel

Eine ganze Industrie lebt vom ideologischen Prinzip „Null oder Eins“. Unter den, nach Ihrer Sichtweise, befragten Bürgern gibt es die Gegensätze ebenso: Die einen haben sofort zu allem und jedem eine Meinung. Den anderen hingegen fällt es schwer, überhaupt einen Standpunkt zu finden.

Fragen auf die man mit „ja“ oder „nein“ antworten kann, wirken bestechend. Dafür? Dagegen? Mittlerweile sind unsere demokratischen Wahlen zu einem „Links/Rechts“-Slalom verkommen.

Dabei krankt die Welt an wesentlich komplexeren Problemen. Nur scheinbar behält der Bürger den Überblick. Längst ist es nicht alleine das Vorrecht des medialen Boulevards zu polarisieren. Selbsternannte Blogger, Influencer und Wutbürger rühren die Werbetrommel FÜR ein Thema. Der Bürgerjournalismus hält tapfer DAGEGEN. Diese schriftlichen Problemarbeiten gab es früher nur bei der Deutsch-Matura. Damals mussten wir sowohl Argumente FÜR eine Fragestellung, als auch plausible Schlussfolgerungen dagegen finden. Heute ist Einseitigkeit ausreichend. Viele wussten bei Schularbeiten oft gar nicht, was sie überhaupt schreiben sollen. Mittlerweile sind wir da geübt. Vom Pensionisten über den konkursreifen Unternehmer und die Helikopter-Mom bis zur Frau Wamperl diskutieren alle mit – auf Twitter sogar in nur 140 Zeichen. Andere schlagen auf Facebook ihre einstige Matura-Arbeit um Längen. Manche Redakteure scheinen von ihrem Beruf gar nicht genug zu bekommen. Als Freizeitbeschäftigung schreiben sie privat unbezahlt weiter.

Fazit: Selber denken macht schlau! Schwarmdummheit ist zwar kein Herdentrieb und Schwarmintelligenz kann uns gelegentlich sogar nützen – Stichwort: Stauwarnung. Wer verunreinigte Quellen recherchiert, prüft und sich seine Meinung bildet, ist im Vorteil. Dabei müssen Antworten gefunden werden, wie: Woher wird meine Infoquelle finanziert? Was sind zu erwartende Auswirkungen des Problems? Wer profitiert von den bereits geäußerten Vorschlägen und welche Alternativen lassen sich sonst finden?

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