Sind gut bereiste Menschen interessanter?

11. März 2022 von Tatjana Lackner, MBA

Zuletzt hat dieses Thema in meinem Clubhouse-Talk Furore gemacht. Nach zwei Jahren pandemiebedingter Fernreise-Funkstille konnten sich viele Zuhörer damit identifizieren. Eine junge Lady hat beispielsweise erzählt, dass bei ihr schon Beziehungen in die Brüche gingen, weil ihr Expartner es mit Laotze hielt: “Je weiter du rennst, desto weniger kennst du. Der Weise versteht die Welt, ohne zu reisen.” Er war der Ansicht: Reisen sei überschätzt. Allenfalls macht man Sommerfrische auf dem Land. Zudem war ihm eine bewusste Lebensführung wichtig und dazu gehört eben auch der Blick auf dem Tachometer des eigenen CO2 Ausstoßes – Flugscham inklusive. 

Ein anderer berichtete davon, dass bei ihm der Haussegen schief hing, weil sie gerne mehrere Wochen am Stück auf fernen Kontinenten unterwegs war und er sich das jobwise nicht erlauben konnte. Beide haben bei den ersten Reisen versucht, dass sie vortrampt und er nachzuckelt, aber auch das hat sich auf Dauer nicht als praktikabel herausgestellt. Dazu kamen finanzielle Unterschiedlichkeiten. Während sie schon mal in einem Hostel übernachtete, ekelte er sich vor Bettwanzen und hygienisch fragwürdigen Zuständen. Seine Vorstellung von Mittelklasse-Hotels sprengten jedoch ihren Budgetrahmen. Es kam zur Trennung. 

Good News: Eine Weltreise ist erschwinglich 

Dominik Lauck, einer meiner Co-Moderatoren an diesem Samstag, hat von seiner Weltreise berichtet. Dafür nahm er sich buchstäblich 366 Tage – danke Schaltjahr – Zeit. Er selbst ist Redakteur bei der ARD und räumte gleich zu Beginn mit dem Glaubenssatz auf, dass man für eine Weltreise Unsummen an Geld brauche. Er ist mit € 3.000 im Monat ausgekommen – dank günstiger, aber sauberer Unterkünfte und einer vorausschauenden Planung. Ohne einen Reiseexperten, der auf Weltreisen spezialisiert ist, würde er das Abenteuer jedoch nicht empfehlen. 

Dominik selbst hat vor allem die Weite Australiens beeindruckt und der Umstand, dass in abgelegenen Regionen Kinder über das Radio unterrichtet wurden. “School of the Air” ist dort seit 70 Jahren gelebter Fernunterricht für Kids aus dem Outback. Ebenso wie die Royal Flying Doctors, eine gemeinnützige Institution, die Bewohner aus dünn besiedelten Gebieten medizinisch versorgt. Der Warteraum ist dort das eigene Wohnzimmer. 

Für Dominik brachte sein Weltreisejahr wertvolle neue Erkenntnisse, einen eigenen Blog und die Gewissheit, dass sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist. 

“Reisen erweitert den Horizont, man muss aber auch den Horizont dafür haben.” 

Der Schweizer DJ Christoph steht im Guinness Book of World Records, weil er 105 Radiostunden durchgehend On Air war. Bei einem Schamanen wie ihm bekommt der Begriff “Reisen” eine spirituelle Bedeutung. 

Er berichtete davon, dass er ebenfalls knapp ein Jahr lang jeden Monat in einer anderen Region in der Schweiz gelebt hat, weil er in Nachtclubs auflegte. Christoph schien enttäuscht darüber zu sein, dass wir seinen Nachtjob nicht als “Reise” durchgehen ließen, da er weder den eigenen Kulturkreis noch die Sprache jemals wirklich gewechselt hat. Das warf natürlich für alle im Raum die Frage auf: Was bedeutet “Reisen”? Wir einigten uns im Talk darauf, dass man dafür wenigstens die eigene Landesgrenze verlassen und wahrscheinlich auch einige Breiten- oder Längengrade hinter sich bringen sollte. 

Viele Menschen setzen “in den Urlaub fahren” gleich mit “reisen”, doch da gibt es eindeutige Unterschiede. Wer am Ballermann oder auf Ibiza Party macht, befindet sich zwar an seinem Ziel, doch mit Reisen hat das wenig zu tun. Gleiches gilt für Sport- oder Wellnessurlaube. Gerade als Österreicherin und Binnenländerin muss auch ich jedes Jahr mit meiner Familie nach Griechenland fliegen um Windsurfen zu können. Mit unseren Reisen durch mehrere Länder Südamerikas haben diese ortsgebundenen Urlaube jedoch nichts zu tun. 

Wer gerne “unterwegs” ist und sich Zeit nimmt für neue Eindrücke, inspirierende Ideen und auch vorherrschende Probleme, dem ist der Weg wichtiger als das Ziel. Viele Menschen haben erst durch eine prägende Reise ihre Werte neu sortiert. Diese Identitätsfindung war wohl nach dem Heimkommen das beste Geschenk.  

Reisen, um zu helfen 

Gut bereiste Menschen sind dann die interessanteren Gesprächspartner, wenn sie uns in ferne Länder entführen und uns von anderen Bräuchen berichten können. Dirk Jakob, ein vom Focus Magazin mehrfach ausgezeichneter Trainerkollege und Buchautor hat sich im Talk ebenfalls zu Wort gemeldet und auf der Bühne erzählt, wie er in Nepal bei einem Kinderprojekt mitgearbeitet hat. Er ist davon überzeugt, dass man sich neben dem Hamsterrad der Arbeit in seiner Freizeit auch bei ausgewählten sozialen Projekten in der ganzen Welt engagieren kann. Hilfsreisen sind eine andere Art des Wegfahrens. Es war beeindruckend zu hören, was er alles über Orte wusste. Die Kindersterblichkeit liegt beispielsweise in Nepal zwischen 50 und 60 Prozent. Durch Sandfilteranlagen konnte vor Ort geholfen werden. 

Oliver, mein anderer Co-Moderator und österreichischer Banker, hat natürlich völlig recht mit dem Hinweis auf unsere fünf Wochen Arbeitsurlaub im Jahr. Viele müssen sich entlang der Ferien ihrer Kinder frei nehmen, um die Obsorge zu sichern. Da fällt die große Expedition von sieben Wochen schon mal flach. 

Fazit: Ein Städtetrip kostet zwar wenig Zeit, dafür greift man proportional gerechnet ganz schön in die Tasche. In andere Länder und Kulturen tauchen wir nur ein, wenn wir uns Zeit nehmen und nicht zu schnell unterwegs sind. Der klassische Urlaub gilt hingegen der Erholung, der Familie oder dem Sport. Reisen beginnt in jedem Fall mit Lesen. 

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