Sinndollar und Bildungsbürger

In den Sommermonaten nehme ich mir gerne Zeit, um der Newsletter-Redaktion einige Fragen zu beantworten, die mir mal nicht zum Thema  Kommunikation gestellt werden. Gerne denken wir mal „Out of the box“:

Ein feines Sommergespräch

Newsletter-Redaktion:

Immer wieder analysierst Du Politiker im TV und Radio bei Wahlkämpfen oder nach Auftritten. Welche Partei würdest Du selbst am liebsten gründen?

Tatjana Lackner:

Oh ja, das ist gut. „DIE BILDUNGSBÜRGER“ (lacht)!

Als ich ein Kind war wurde dieser Begriff von meinen 1968er-angezuckerten Eltern lächelnd über teilbelesene Menschen verhängt, die dank Burgtheater-Abo ihrer „kulturellen Verpflichtung“ nachkamen. Das europäische Bildungsbürgertum selbst entstand Mitte des 18. Jahrhunderts in der einflussreichen Gesellschaft, dem Establishment. Viele sehr schlaue Leute gehörten dazu und genau die fehlen heute. Unsere kulturelle Elite schrumpft merklich. Das Ergebnis: Prolos United! Wir haben kaum noch Humanisten, geisteswissenschaftliche Gelehrte oder wirklich gebildete Menschen, wie einst Thomas Mann. Ganz im Gegenteil: Wir leben in einer Zeit, in der man den Literaturunterricht aus dem Lehrplan streicht und die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zur universitären Maxime erhebt. Oje!

Newsletter-Redaktion:

Was findest Du fehlt in unserer Welt am meisten?

Tatjana Lackner:

„DER SINNDOLLAR“: Ich stelle mir hier eine Art „komplementäre Währung“ vor, nach der ein Mensch auch noch beurteilt werden kann. Nicht nur nach seinem Gehaltszettel oder den lieben Worten, die er von sich gibt. Mein Credo: Weg vom HABEN hin zum SEIN! – Ein ganzes Kapitel hab ich diesem Thema in der „Kommunikationsgesellschaft – Lackners Labor“ gewidmet.

Ein Beispiel:

Donald Trump hat eine Menge Kies auf seinen vielen Konten liegen. Laufend wird sein Vermögen neu geschätzt. Was er jedoch damit FÜR die Gesellschaft leistet ist vergleichsweise bescheiden. Sogar Milliardäre könnten so in die Pleite geraten, wenn man sie nicht nur nach der Forbes-Liste und ihren Vermögensverhältnissen erfasst, sondern auch nach dem „Sinndollar“ beurteilt. Dieser könnte sich aus klar messbaren KPIs zusammen setzen. -Im billigsten Fall aus: Spendengeldern, ehrenamtlicher Tätigkeit, aktivem Umweltschutz oder universitärer Wissensvermittlung bei moderaten Bezügen. Natürlich spielt auch der ideelle Nutzen unserer täglichen Arbeit bei dieser Bewertung eine Rolle. Die sieht bei einem Waffenhersteller eben anders aus als bei einer Hebamme.

Ich habe unter meinen Kunden Menschen, die relativ wenig verdienen, gemessen an dem, was sie für uns alle leisten – sie arbeiten beispielsweise in der Pflege, für NGOs, etc. Ihr Sinndollar-Konto ist vergleichsweise gefüllt, aber niemand zollt ihnen gesellschaftlichen Respekt. Klar ist auch, dass Reiche nicht zwingend sinn-arm sein müssen, wenn es um ihren Arbeitswert geht. Das ist ein Vorurteil der Sozialromantischen Fraktion, das ich nicht teile. Auf der anderen Seite gibt es leider genug Menschen, die sich tatsächlich weder bemühen etwas im herkömmlichen Sinn zu verdienen, noch etwas für die Allgemeinheit tun. Das ist dann gleich doppelt verwerflich, wenn Faulheit und Eigennutz die Gründe dafür waren. In meiner Fantasie könnte die Frage nach dem Einkommen eines Menschen immer gleich mit zwei Werten beantwortet werden: Er verdient beispielsweise €126.000 im Jahr und hat zudem mit 18.000 SDE (Sinndollar-Einheiten) auch ein sehr schön gefülltes Sinndollar-Konto. Mich selber hat schon früher beim ersten Date mit einem Mann stets interessiert, was er mit seinem Geld gestaltet. Lieber erzählten Männer mir jedoch, wie viel Geld sie verdienen.

Newsletter-Redaktion:

Wann fühlst Du Dich belogen?

Tatjana Lackner:

Wenn Etikettenschwindel betrieben wird. In den USA waren das Produkte, wo „genfrei“ draufsteht und nicht drin ist. In Österreich geht mir das mit der Bio-Bewegung so, aber auch vom staatlichen Monopol den Österreichischen Lotterien fühle ich mich rhetorisch betrogen. Genau deshalb spiele ich – unter anderem – nicht Lotto. „6 aus 45“ wird versprochen. Das stimmte nur, wenn 6 Kugeln gleichzeitig aus 45 gezogen würden. Jeden Mittwoch und Sonntag können wir jedoch sehen, dass das nur für die erste Kugel wahr ist. Danach wird aus 44, und noch eine aus 43 und … so weiter. Das ist sprachlich und vielleicht sogar juristisch inkorrekt (lacht)!

Tatjanas Tipp zum Thema „Bildung“: