Sprichst Du MINT?

Sprache – Spiegel der Gedanken

Böse Zungen meinen die Auflösung des Akronyms „MINT“ wäre statt richtigerweise: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, viel eher: Mich Interessiert Nichts Tiefgründiges. Sprache und die Art wie wir denken hängen zusammen – vergleichbar mit der Lunge und dem Sauerstoff, den wir ihr zuführen. Es ist also nicht egal, wie wir unsere Bildung gestalten. Wer Schöngeistiges, wie Literatur für verzichtbare Deko hält, der darf sich nicht wundern, wenn die Alltagssprache unserer Kinder hörbar leidet und Silbe um Silbe vergilbt.

Überall wird neuerdings MINT propagiert: Dabei geht es um Schulen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik besonders fördern. Sie werden ausgezeichnet, als würden uns ausgerechnet diese Fächer vor Lese-Schlappen und Rechtschreib-Pleiten bei der Pisa-Studie retten?! Den Literatur-Unterricht aus den Lehrplänen zu streichen und die Textgeschichte unserer Spezis für Humbug zu erklären, gilt heute als akzeptierter Denkansatz. Wie traurig! Bildungsreformer und Humanist Wilhelm Humboldt war da schon vor 300 Jahren weiter:

Die wahre Heimat ist die Sprache

 Auch heute gibt es zum Glück belesene Menschen, die diese Entwicklung für besorgniserregend halten. Konrad Paul Liessmann, Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien, Autor und Literaturkritiker, spricht von der „Fächerdämmerung“ und davon, „dass Bildung nicht ausschließlich an Kriterien wie Nutzen, Anwendbarkeit und Effizienz gemessen werden kann.“

Nein, es ist nicht verwerflich eine HTL zu besuchen oder sich seiner kaufmännischen Neigung entsprechend an einer HAK bis zum Abitur zu hanteln. Klar ist aber auch: Zeitgenössische Denker und gedankliche Kritiker werden wahrlich durch andere Schultypen gefördert. An genau diesen Köpfen fehlt es zurzeit gewaltig. Ingenieure brauchen wir auch. Gerne. Aber die gibt es von den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Alaska bereits in vielen Disziplinen. Schön, dass sich das Technikverständnis für sie so schnell zu Geld machen lässt. Aber wäre es nicht wieder mal an der Zeit unseren Kindern auch zu vermitteln, dass es sich lohnt über Menschen, das Leben oder unser Verhalten miteinander nachzudenken.
Abgesehen davon bietet gerade eine HTL selten die zweite lebende Fremdsprache. Selbst mit Englisch sieht es meistens im Vergleich zu einer allgemeinbildenden höheren oder gar internationalen Schule recht bescheiden aus. Was schade ist, denn die Welt spricht Englisch. Wichtig ist daher der Konversationsteil beim Spracherwerb, um sich international bewerben zu können oder mit anderen auszutauschen; statt nur die technischen Vokabeln zu kennen.

Fazit: Denken muss regelmäßig trainiert werden. MINT spricht zwar praxisnahe, dafür oft verkürzt und wenig bildhaft; selten führen eben Techniker die besseren Kundengespräche. Wer sich also nur noch mit „Ding“-Dingen und nicht mehr mit Ideen befasst, dem wird man den beschränkten Gedankenradius bald anhören. Sprache und die Art wie wir denken hängen zusammen – vergleichbar mit der Lunge und dem Sauerstoff, den wir ihr zuführen.