Verbales Charisma

29. März 2023 von Tatjana Lackner, MBA

Mein TEDx-Talk 

Auch zu dieser Minute finden weltweit Millionen Besprechungen statt, wo gleich morgen wieder nachgefasst, nachtelefoniert und hinterher gemailt werden muss, weil nicht klar geworden ist: Wer macht was genau bis wann? 

Unter dem Motto „People are awesome“ wurde ich eingeladen einen TEDx-Talk zu gestalten. Rasch war mir klar, dass ich vor allem jene Menschen “beeindruckend” finde, die charismatisch sprechen. Denn: Wer es schafft “Weitererzählwert” zu garantieren, der spart damit Zeit. Je länger wir in Meetings, Zoom-Talks und anderen Gesprächen festsitzen, umso weniger temporäre Ressourcen haben wir zur Verfügung. Ergo: Redezeit ist Lebenszeit! 

Verbales Charisma fällt nicht vom Himmel! 

Für die einen sind es Synchronsprecher, für die anderen belesene Querdenker, denen beim Business-Kamingespräch alle lauschen. Die Frage ist: Gibt es überhaupt eine klare Definition von Charisma oder ist der Begriff so individuell wie Schönheit – worunter jeder etwas anderes versteht? 

Die gute Nachricht: Ja, es gibt diese Definition und ich habe sie sicherheitshalber selbst erforscht. Die Basis für die Formel bilden mehr als 30 Jahre Arbeit mit Stimme und Sprache und tausende Trainingsstunden in DER SCHULE DES SPRECHENS: 

Die erste Variable der Formel für verbales Charisma ist ein großer, bunter Wortschatz. Doch Vorsicht: Allein viele Fremdwörter zu kennen reicht nicht, es geht vielmehr um bildhafte Ausdrucksweise, variantenreichen Einsatz von Synonymen und vielfältige Bedeutungen. 

Wir erwarten zudem fachliche Kompetenz – egal, ob von Spezialisten, im Handel, in der Medizin oder in der Beratung. Es ist wohltuend an jemanden zu kommen der vom Fach ist und sein Handwerk versteht. 

Ein Blender begeistert nur so lang, bis er auffliegt. Im Steven Spielberg-Film “Catch me if you can (2002) spielte Leonardo DiCaprio den Scheckbetrüger und späteren Hochstapler Frank Abagnale. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. In den 1960er Jahren gab es tatsächlich ein Filou, der dank seiner Raffinesse, Kreativität und Eloquenz mal als Arzt, dann wieder als Rechtsanwalt arbeitete. Obwohl er nicht einmal einen Schulabschluss hatte, gab er vor Harvard-Absolvent zu sein und die Menschen glaubten ihm. 

Nach seiner Verurteilung 1969 musste er die zwölfjährige Haftstrafe nicht komplett absitzen, sondern beriet im Gegenzug die US-Regierung als Sachverständiger. 

Verbal charismatische Menschen artikulieren deutlich und beeindrucken mit eleganter Aussprache und einer hörbar wohlklingenden Stimme

Auch wenn wir Verständnis für nervöse Menschen haben, so nominieren wir in unserer eigenen Abteilung oder für unsere Interessen lieber die souveränen Redner, damit unsere Anliegen gut vorgetragen werden und wir uns gut vertreten fühlen. Engstirnigkeit oder Borniertheit sind keine Eigenschaften, die wir uns in einem Katalog für Charisma aussuchen würden. Großzügigkeit im Denken ist eben nichts für Kleingeister. 

Der Rhetorik-Triathlon 

Was im Sport Schwimmen – Radfahren – Laufen, ist im Rhetorik-Triathlon Präsentieren – Kontern – Argumentieren. Der Berufsalltag verlangt uns sprachliche Kondition ab. In allen drei Disziplinen gleichermaßen zu überzeugen, das vermögen nicht viele. 

A) Präsentieren ohne Schwimmen: 

Irgendwann müssen die meisten von uns Inhalte wenigstens im Rahmen der eigenen Kollegenschaft präsentieren. Einige reden vor Kunden oder sogar öffentlich auf Bühnen. Die Devise heißt dann: Weg vom Power-Point-Karaoke! Eine Rede ist keine Lesung. Vermeiden Sie inflationäre Sager und welke Begrüßungssätze. „Sehr geehrte Damen und Herren, schön, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind.“ (das ist auch grammatikalisch holprig: Jeder Teilnehmer kann nur einmal erscheinen). Besser: „Willkommen zum Thema XY. Fein, dass sich heute so viele Zeit nehmen.“ Auch die Verabschiedung darf individueller sein als: „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit“. Raffiniertes Rede-Design hat viel mit gelungener Vortrags-Dramaturgie und aktiver Pausensetzung zu tun. Unpünktlichkeit und schlechtes Zeitmanagement sind keine Kavaliersdelikte. Die Zuhörer haben auch nach Ihrem Vortrag noch ein Leben. 

B) Kontern ohne Treten: 

Von der Schulbank über das Elternhaus bis hin zum eigenen Familien- & Berufsalltag – immer sollten wir in der Lage sein, uns gelungen zu verteidigen. Manche Todschlagargumente und Killerphrasen sind jedoch schwerer zu verdauen als andere. Und wer sich rechtfertigt, hat bereits verloren. Wer schmähstad übrig bleibt, ebenso. Auf dem Heimweg nützen uns dann die besten Konter nichts mehr. Die Frage ist daher: Welches Reaktionsmuster sitzt bei mir besonders locker? Reagiere ich auf Gesprächsblockaden zumeist witzelnd, devot, g’schnappig oder renne ich schnurstracks in die beleidigte Wurstwarenabteilung? 

C) Argumentieren ohne Laufen: 

Jeder Mensch muss im Zuge seines Lebens Meinungen argumentieren – manchmal sogar gegen die eigene Überzeugung. Jemand der uns von seiner Expertise überzeugt, leiert sicher nicht einfach lieblos Argumente runter. Besser: Gelassenes Redetempo, gute Stimm-Modulation und knackige Kernaussagen ohne rhetorische Platzhalter. 

Sprachlich öde sind hingegen Bullshitbingo-Floskeln wie „irgendwie“, „sag ich einmal“, „sozusagen“, „das muss jeder selbst entscheiden“, „gemeinsam zusammen“, „nachhaltig“, „am Ende des Tages“, „ein Stück weit“, „im Großen und Ganzen“, “in Zeiten wie diesen” …  

80 % Prozent unseres Alltags verbringen wir in Kommunikations-Situationen. Diese drei Disziplinen sind immer gefragt: Kraftvoll zu präsentieren, schlüssig zu argumentieren und auf Einwände vorbereitet zu sein.  

Kennst Du Deine “Elefanten”? 

Bevor Sie beim Meeting in die Arena steigen, um die besten Argumente gegeneinander antreten zu lassen, müssen Sie erst für die richtige Atmosphäre mit den Gesprächspartnern sorgen. Das bedeutet sich schon im Vorfeld zu überlegen, womit man persönlich oder thematisch anecken könnte. Mal liegt es an der Wortwahl, dann wieder an den falsch gewählten Beispielen. Auch die eigenen “Elefanten” sollten wir kennen. Die wechseln jedoch je nach Zielgruppe. Wer aus der Wirtschaft kommt wird sich für seinen Vortrag vor Soziologen andere Beispiele vorbereiten als für eine Keynote im Haus der Industrie – und umgekehrt. Schließlich wollen wir nicht an der Wirklichkeit unserer jeweiligen Zuhörerschaft vorbeireden. Deshalb ist eine Zielgruppenanalyse unumgänglich. Wer über Kaffee spricht muss auch Teetrinker abholen.  

Niemand soll seine Ecken und Kanten verlieren, doch am Wertesystem anderer frontal aufzuprallen hilft Ihrer Performance wenig. 

Ursprünglich kommt die Metapher “Elefanten im Raum” aus der russischen Literatur. Heute bedeutet “der Elefant im Raum”, dass jemand ein Problem, das für alle spürbar ist, ignoriert.  

In Anlehnung an diese Metapher stelle ich im Coaching meinen Vorständen häufig die Frage, von welchen Elefanten sie persönlich umgeben sind. Denn: Sobald jemand eine Rednerbühne betritt, geht es los mit den Begutachtungen durch andere. Wer ist die? Was glaubt der da vorne, wer er ist? Wie sieht er oder sie überhaupt aus? 

Bewertet werden wir immer. Die Frage ist nur, woran sich andere Menschen stoßen. Gerade in den Medien erleben wir bereits Vorverurteilungen, noch bevor sich jemand zu Wort gemeldet hat. Sobald das Bildinsert einen eigenwilligen Namen (gern auch eines Doppelnamen) einblendet wird oder eine englische Berufsbezeichnung den Redner beschildert (“Head of” XY für einen banalen Job), geht das Geraune in den Wohnzimmern los: “Schau mal, der Hausmeister heißt heute Facility Manager, sehr fesch, nicht?!” oder “Seit wann ist die Position des CRO im Unternehmen etwas anderes als Risikomanagement?” Der CRO (Chief Risk Officer) befasst sich mit den regulatorischen Themen und Bedrohungs-Szenarien rund um das Unternehmen. Damit teilt er sich seine Namensabkürzung mittlerweile immer öfter mit dem Chief Reputation Manager – der sich hingegen um alle Aktivitäten kümmert, die den tadellosen Ruf der Organisation fördern – oder gefährden können. 

Besser überlegt man sich vor dem Medien- oder Redeauftritt, durch welche “persönlichen Elefanten” Ungnade droht. Jeder, der selbstkritisch und erfolgreich vordenkt, ist gut beraten. Dieses “Worst-Case-Szenario“ hat nichts mit Schwarzmalerei zu tun, sondern mit sinnvoller Prävention. Ihr Reputationsmanagement und die damit verbundene Glaubwürdigkeit sollen keinen Schaden leiden.  

Student Sebastian beispielsweise weiß, dass er sanft übergewichtig ist und durch seine Größe und den dunklen Bart auf andere Menschen anfangs bedrohlich wirken kann. Deshalb kümmert er sich schon am Beginn seines Pitches und der anschließenden Firmenpräsentationen verstärkt um beziehungsbindende Maßnahmen. Er lächelt und überrollt die Kundschaft nicht mehr wie früher in seinen Sturm-und-Drang-Jahren. Er arbeitet mit Pausenmanagement. 

Kundin Sibylle hat durch ihr Doppeldoktorat vor dem Namen in der Vergangenheit schon öfters komische Reaktionen geerntet. Sie weiß heute, wie es wichtig ist, dass gerade sie sich um bodenständige Beispiele und nachvollziehbare Schlussfolgerungen bemüht, damit die Zuhörerschaft gedanklich bei ihr bleibt. 

Nie geht es darum, einer Norm zu entsprechen. Vielmehr ist die kritische Auseinandersetzung mit den “eigenen Elefanten” wichtig, um von anderen richtig eingeschätzt und nicht vorzeitig abgestempelt zu werden. 

Fazit: Natürlich freue ich mich schon auf meinen TEDx-Talk in Salzburg. Es ist schließlich eine Auszeichnung überhaupt gefragt zu werden. In nur 18 Minuten muss ein Speaker die Bühne rocken. Das Ergebnis lauert dann für immer im Netz der Google-Spinne. Man muss nicht Latein gehabt haben um zu wissen, dass Cicero recht hatte: „Zum Dichter wird man geboren, zum Redner wird man gemacht.“ 

Mein TEDx-Talk ist online!

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