Wer wir sind, wenn keiner nach dem Job fragt?

29. April 2026 von Tatjana Lackner, MBA

Was machst Du beruflich? Ist die erste Frage beim Kennenlernen. Sofort wird der Mensch in Schubladen gesteckt: Banker, Musiker, Lehrer, Marketingguru. Acht Stunden täglich verbringst Du dort; warum also nicht daraus ableiten, wer Du bist? Klar, nachvollziehbar. Dein Job ist greifbar, messbar, ein Teil Status, ein Stück Identität

Doch Arbeit ist nur ein Zimmer in der Wohnung Deines Lebens. Machst Du sie zur Villa, verlierst Du alles andere aus den Augen: Familie, Freunde, Nächte voller Sorgen, Leidenschaften, die Dich echt machen. 

Der Job verschafft Klarheit: Wer Du bist, wofür Du stehst, wen Du beeindruckst, alles auf einen Blick. Wie ein gut geführtes LinkedIn-Profil erfahren wir viel über Netzwerke, Status, Selbstwert. Unsere Arbeit liefert Motivation und Relevanz. Egal ob Arzt, Musiker oder Jurist; jede Rolle öffnet Türen, definiert Rituale, anerkanntes Wissen und Peer-Gruppen. 

In Wahrheit ist das ein bequemes, aber auch gefährlich reduktives System; so, als würde man einen Menschen nach dem Alkoholgehalt des Abends beurteilen statt nach der Geschichte, die ihn dorthin geführt hat. 

Ein weiteres Problem: Wer sich allein über seinen Beruf definiert, legt sein Selbstwertgefühl in die Hände eines Systems, das jederzeit umorganisiert, automatisiert oder dichtmacht. Eine Identität, die komplett an Arbeit hängt, wirkt fragil. Wie ein Kartenhaus auf Instagram, während darüber die Klimaanlage tropft. 

Hinterfragst Du den Maßstab, öffnet sich ein Raum, in dem Menschen keine Titel tragen und mehr sind als Software-Engineer, Art Director oder Key-Account-Manager. Sichtbar werden widersprüchliche Wesen voller Eigenheiten, Peinlichkeiten, kleiner Absurditäten. Wir sind unsere Geschichten, nicht unsere Stellenbeschreibungen. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Sabbaticals können die gesamte Selbstwahrnehmung destabilisieren, wenn das Joblabel zu zentral im Leben platziert wird. 

Dazu kommen unterschiedliche kulturelle Perspektiven aus den verschiedenen Ländern. Während im angelsächsischen Raum Handwerker beispielsweise als wenig prestigeträchtig gelten, werden traditionelle Tischler oder Keramiker in Japan hoch angesehen. 

Gründer gelten als visionär, rebellisch, risikofreudig und genießen vor allem in Israel oder den USA hohen gesellschaftlichen Respekt, besonders bei Erfolg. Die Ecosphere der Start-up-Szene im deutschsprachigen Raum hingegen bleibt überschaubar, bodenständig und wenig glamourös. Trotz erfolgreicher TV-Formate, wie Höhle der Löwen oder 2 Minuten 2 Millionen. 

Blicke nach Italien! Dort fragt niemand beim ersten Kaffee nach dem Job. Man will wissen, wer Du in der Familie bist, wer Deine Freunde sind, welche Geschichten Du erzählst. In Japan dagegen kann Dein Berufsbegriff Dein Leben definieren. Eine Arbeitsbezeichnung wie Manager oder Professor öffnet Türen, während Hobbys höchstens Staubfänger im Lebenslauf bleiben. 

In Portugal zählt neben der Familie vor allem die clevere Work-Life-Balance. Doch was, wenn wir noch weitere Kriterien nutzen, um Identität zu erkennen? Die Welt ist voll davon: 

Hobbys & Leidenschaft: Ein Gitarrist in Paris, der abends die Rue Saint-Denis mit Akkorden füllt, kann mehr Bewunderung ernten als ein Banker in der Rue de Rivoli. Kreativität schlägt Status. Künstler genießen in Italien und Frankreich kulturellen Respekt, oft als gesellschaftlich wichtig anerkannt, selbst bei niedrigem Einkommen. 

Beziehungen: Wen Du kennst, wen Du unterstützt, welche Community Dich trägt, das alles zählt in Indien mehr als jeder Jobtitel. Deine Netzwerke definieren Dich, nicht Dein Vertrag. 

Lebensstil: In Skandinavien sprechen Deine minimalistische Wohnung, nachhaltige Klamotten, die Liebe zur Natur Bände über Dich. Der Name Deiner Firma wird zur Nebensache. Auch in Australien geht es stärker um die Freizeitgestaltung und die sportlichen Betätigungen als um die Arbeit. 

Werte & Engagement: Ehrenamt, Aktivismus, Spiritualität werden in Brasilien beispielsweise großgeschrieben. Was Du für andere tust, bringt Dir mehr Prestige als Dein Gehaltszettel. 

Geschichten & Erfahrungen: In den USA verkauft man Identität durch Narrative. Self-Made-Storys, Abenteuer, Scheitern und Wiederaufstehen; Heldenreisen wirken spannender als ein Titel auf dem Briefkopf. 

Der erste Strang in Indien beispielsweise gilt der Familie. Nicht im sentimentalen Sinn, sondern als Grundmatrix des Lebens. Entscheidungen über Wohnort, Partnerwahl, Karriere, sogar Konsum, werden oft in einem Netz aus Eltern, Geschwistern, Cousins und Älteren verhandelt. Das ist kein Wir-halten-zusammen-Kitsch, sondern eine echte Sozialsicherungsarchitektur in einem Land, in dem der Staat nicht alles abfedert. Diese reale soziale Logik hilft, Identität vielschichtiger zu lesen. 

Die Tendenz, Menschen nur nach ihrem Beruf zu beurteilen, ist die Charakteristik einer Heuristik: praktisch, schnell, aber oft falsch. Simone de Beauvoir hat es auf den Punkt gebracht: Der Mensch ist nicht das, was er arbeitet, sondern das, was er ist, wenn er nicht arbeitet. 

Fazit: Vielleicht stellen wir die Berufsfrage wie betrunkene Matrosen auf Deck, die nach dem Nordstern tasten. Der Job ist ein Etikett, das Orientierung gibt, ohne Tiefe zu zeigen. Freiheit wäre, es abzulegen; ein furchteinflößendes Tier. Aber die Wahrheit ist klar: Der Beruf ist keine Identität. Er ist ein Kostüm. Das Leben passiert in den Momenten, in denen wir vergessen, es zu tragen. 

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