Wortschatz statt Wertpapier

4. Februar 2022 von Tatjana Lackner, MBA

Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) hatte recht mit dem Gedankenansatz: „Alles in der Muttersprache ausdrücken zu können, bekundet höchste Geistes- und Seelenbildung.“ 

In der Erstanalyse prüfe ich daher neben der stimm- & sprechtechnischen Fähigkeit auch das assoziative Denken – wie viele Worte und Gedankenverbindungen fallen dem Kunden ein? Zudem untersuchen wir gemeinsam seine affektive Wortvernetzung in einem definierten Zeitraum. Das ist wichtig, um zu erkennen, was jemanden auf die Palme bringt und wodurch sein Reaktionsmuster sprachlich getriggert wird. Für viele von uns sind bestimmte Wörter emotional belegt. Der Atomkraftwerksgegner verwendet beispielsweise den emotional aufgeladenen Begriff “Atomkraftwerk”, wogegen sich der “Kernkraftwerk”-Befürworter eher für den technischen Terminus entscheidet. Bestimmte Szenarien sind für manche von uns emotional anders codiert: 

Für einen Bienenallergiker, der gerade ohne seinen rettenden EpiPen unterwegs ist, wird eine bunte Blumenwiese eine Gefahr darstellen. Anders ist es beim Imker, der sich über die fleißigen Bienchen, die umherschwirren, freut. Ihr betriebsames Surren macht ihn reich. 

Immer wieder werde ich in Interviews gefragt, wie man den eigenen Wortschatz erweitern kann. Denn es hat sich herumgesprochen, dass die Verfügbarkeit von Begriffen, also die Größe des Wortschatzes samt der Kompetenz bildhafte Formulierungen hervorzubringen, trainierbar sind. Wortgewaltige Redner haben große Kraft und verfügen über: 

  • Synonyme und Antonyme 
  • eine bildreiche Sprache 
  • gute Vergleiche und zielgruppenorientierte Formulierungen 
  • Klare Begründungen ihres Standpunktes 
  • die Fähigkeit, Themen zu visualisieren 
  • das Vermögen, komplizierte Inhalte auf behaltbare Erzähl-Zusammenhänge herunterzubrechen 
  • Timing und sinnunterstützendes Pausenmanagement. 

Erinnern wir uns daran, wie wir einst Fremdsprachen gelernt haben. Auf der einen Seite waren Vokabeln essenziell für unsere Dialogfähigkeit. Im Französischbuch wurden Lektionen anfangs nach Gesprächssituationen eingeteilt. Beispiel: “Au marché” – hier geht es um Einkaufssituationen auf dem Markt und die damit verbunden relevanten Vokabeln. 

Liedtexte, Reime und Gedichte haben uns als Kinder ebenfalls dabei geholfen, dass wir uns Satzteile einprägten und damit fertige Versatzstücke parat hatten. 

1. Formulieren & Erzählen: 

Eine andere Übung die ich gerne mit meinen Studierenden zum Aufwärmen vor der Vorlesung mache ist, sie eine rhetorische Framing-Geschichte erzählen zu lassen, die aus Sätzen besteht, deren Wortanzahl vorher definiert wird. Der gute alte Würfel kommt zum Einsatz und bestimmt, wie viele Wörter der nächste Satz haben darf. 

Wer beispielsweise eine Vier würfelt, der kommt weiter mit “wir wunderten uns sofort” (4 Wörter). Wenn für den nächsten Satz in der Geschichte eine Fünf gewürfelt wird, dann darf der andere Spieler demnach sogar fünf Wörter verwenden. Beispiel: “Vor dem Haus wartete Frieda!” Die Geschichte muss allerdings zusammenhängend sein, Sinn ergeben und soll flüssig weitergeführt werden. Nachdem es keine Sätze gibt, die aus ein oder zwei Wörtern bestehen, lässt sich die Story durch Ausrufe (rhet.: Exclamatio), wie: „oh Gott!“ (möglich bei zwei Würfelpunkten) oder einem simplen „Hoch!“ (ist gleich ein Würfel) aufpeppen. 

2. Definieren & Wortschatz: 

Bei einer anderen Übung schlägt man einfach ein Buch auf und überlegt sich zum erstbesten Hauptwort, das einem begegnet, drei konkrete Definitionssätze.  

Beispiel: “Zaun” 
  1. Ein Zaun stellt zunächst eine Begrenzung zum nächsten Nachbarn dar und definiert den eigenen Grundbesitz. 
  1. Menschen drücken ihren persönlichen Geschmack bereits durch die Art aus, wie ihr Zaun beschaffen ist. Ein schmiedeeisernes Tor samt Umzäunung transportiert ein anderes Lebensgefühl als der von Kindern bunt gestrichene Lattenrost oder ein vergleichsweise schmuckloser Drahtgitter aus dem Baumarkt. 
  1. Wer im übertragenen Sinne “nicht alle Latten am Zaun hat”, der gilt umgangssprachlich als verrückt. 

3. Assoziieren & Alphabetisieren 

Ein Begriff wird auf den Tisch gelegt und alle sollen in alphabetischer Reihenfolge eine passende Wortspende beitragen. 

Beispiel: “Eine Lehre machen”

hat zu tun mit: 

A wie Ausbildung 

B wie Berufswahl 

C wie Charakterbildung 

D wie Durchhalten, etc. 

Gerade bei Produktneueinführungen oder Unternehmensstrategien hilft diese Methode, das Thema rasch inhaltlich abzustecken. Der Vorteil: Alle am Tisch interagieren und denken mit. 

Mein Tipp: Auch in der Muttersprache könnten wir witzige oder gescheite Redewendungen von Schriftstellern, Denkern oder sogar Kabarettisten und Speakern sammeln. Adaptieren lassen sich Stilblüten jederzeit. Wer Sinn-Zusammenhänge in eigene Worte gießt, der trainiert den Wortschatz und produziert gleichzeitig gute “Sager” bzw. eigene Zitate. Oder man gibt einfach die Ursprungsquelle des Gedankens an und outet sich damit als informiert und belesen. 

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