Die semantische Dichte

Die semantische Dichte – der rhetorische Erfolgsfaktor Nr. 1

Das erste, was Profisprecher neben Atem- und Sprechtechnik bei uns lernen, ist mit ihrer Stimme Atmosphäre zu schaffen. Dabei gibt es jedoch richtige Modulationsbögen und falsche. Wer nur „irgendwie“ mal höher spricht und dann wieder tiefer, der erinnert maximal an einen Jahrmarkt-Verkäufer oder an einen schlechten Animateur am Ballermann. Wie hilft uns die semantische Dichte? Sinnbezogene Betonung hat stets mit akkurater Textauflösung zu tun. Bilder sollten „vor dem inneren Auge“ der Zuhörer entstehen. Wer also von „bolivianischen Salzarbeitern“ redet, der sollte sich vorher selbst die unendlichen Weite der Salzwüste von Uyuni vorgestellt haben. Erst, wenn man die Berge aus „weißem“ Gold und die dick angezogenen Ureinwohner Boliviens mit ihren Bärohren-Mützen „innerlich visualisiert“, dann kann man dieses Bild klanglich auch transportieren.

Welche Gestaltungsmittel braucht es?

Um Geschriebenes lebendig und erlebbar zu machen, setzen wir vier Gestaltungsmittel ein:

  1. Temporalen Akzent
  2. Dynamischen Akzent
  3. Melischen Akzent
  4. Psychischen Akzent

Der temporale Akzent befasst sich mit der zeitlichen Gliederung dazu gehören auch Zäsuren. Diese Sinnpausen unterteilen den Redefluss in logische Teilinformationen. Vor allem nimmt ein Text Gestalt an durch Dehnen und Raffen von Worten – insbesondere von den Vokalen in den einzelnen Silben. Wenn man Satzteile als wichtig oder informativ ausweisen möchte, dann werden sie durch die Dehnung betont und damit aus dem restlichen Redefluss hervorgehoben. Im Gegensatz dazu wird man unbedeutende Wörter, wie: Artikel, „so“, „es“, „und“, „man“ beispielsweise rascher an unserem Gehör vorbeiziehen lassen.

Akzentuierung wirkt

Beim dynamischen Akzent arbeiten wir mit dem Druckakzent auf den einzelnen Worten. Mehr Intensität entsteht, wenn wichtige Satzteile nicht nur gedehnt, sondern auch stärker betont werden. Dafür braucht es die Schubkraft aus der gesamten Stützmuskulatur und auch der richtige Anblasedruck beim Atmen spielt hier eine große Rolle. Es hilft den Zuhörern, wenn möglichst genau unterschieden wird zwischen:

  • Normalschwere
  • Halbschwere
  • und Vollschwere.

Ein Beispiel: „Nein, Erich ist Glasbläsermeister.“

„Glas“ hat die Vollschere der Betonung, weil wir anzeigen wollen, dass Erich nicht Schuhmacher, sondern Glasbläser geworden ist, „-bläser“ hat hingegen Normalschwere und „meister“ bekommt Halbschwere bei der Intonation, weil Erich kein Lehrling mehr ist, sondern eben schon Meister.

Klangfarbe macht Laune

Der dynamische und der temporale Akzent arbeiten oft zusammen. Klarerweise werden die Worte, die sinntragend sind sowohl stärker gedehnt, als auch intensiver betont.

Der melische Akzent hingegen arbeitet mit der Melodie und dem Tonfall. Hier wird ebenfalls unterschieden zwischen:

  • hoch
  • mittel
  • und tief.

Wir verändern den Tonfall automatisch, wenn wir etwas zynisch, ehrlich, witzig oder sachlich meinen.

Ein Beispiel: „Du bist ein feiner Freund.“

Kumpelhaft ironisch klingt dieser Satz, wenn man ihn einem Freund höhnisch ins Gesicht geschleudert. Anders hingegen, wenn wir ihm in inniger Dankbarkeit für seine Hilfeleistung die Hand reichen.

Der psychische Akzent beschreibt unsere eigene Sprechsituation. Wenn wir bei einer Passage unseres Storytellings anzeigen wollen, dass wir in der geschilderten Situation gehetzt und nervös waren, dann muss das situations-authentisch erzählt werden. Ein durch Krankheit geschwächter Mensch klingt auch im wahren Leben anders als der Hoppla-hier-bin-ich-Typ.

Ein Wissenschaftler braucht eine andere Akzentuierung, als der Showmaster und die Informationssprache der Weltnachrichten klingt hörbar anders als ein Werbetext.

Immer sollten wir beim Reden an die Zuhörer denken. Was hören sie gerade und worauf springen sie besonders interessiert an? Was scheint für die meisten noch völlig neu zu sein und wo hilft ein weiteres Beispiel ihrem Verständnis? Semantische Dichte ist Ihnen dann gelungen, wenn Sie all diese Ingredienzien einsetzen und einen Gedanken nicht nur bis zu Ende sprechen, sondern auch denken.

Fazit: Trotz aller Pausen und der verschiedenen Gestaltungsmittel muss der Redefluss erhalten bleiben. Semantische Dichte unterscheidet uns von den digitalen Sprachassistenten. Alexa beispielsweise klingt beim Geschichten erzählen, noch recht hölzern. Gerade bei Vorträgen ist die semantische Dichte ein Erfolgsfaktor: Der Rhythmus ändert sich wohltuend, die richtige Modulation unterstützt Ihre Aussagen und Sie bringen Farbe in Ihre Rede.

Coachingtipp: Ihre nächste Präsentation halten Sie beispielsweise einmal für ein Fachpublikum und ein weiteres Mal für zahlungswillige Kunden. Nehmen Sie sich mit dem Smartphone auf und analysieren Sie selbst, wie Sie ihre Betonungen instinktiv verändern. Danach arbeiten Sie bewusst die Elemente heraus, wo es noch an semantischer Dichte fehlt.