Framing und Wortschatz

Framing: Sprache erzeugt Stimmungen

Schon 1981 hat der heutige Nobelpreisträger Daniel Kahneman aufgezeigt, dass es eine „Cognitive Illusion“ gibt. Seiner Ansicht nach lassen sich sogar Ärzte im Erstinstinkt täuschen, wenn es beispielsweise bei Lungenkrebs um die Frage geht: Was ist schlimmer: Eine 90-prozentige Überlebens-Chance? Oder eine 10-prozentige Sterblichkeitsrate?

Die Sterblichkeitsrate wirkt auf uns furchteinflößender als die Überlebens-Chance, obwohl die verwendeten Zahlen klar eine andere Sprache sprechen.

„Frame-Semantik“ begegnet uns überall. Der „Bezugsrahmen“ eines Wortes schafft Stimmungen, die sich dann in Form von Euphemismen oder Hetze in Überzeugungen verwandeln lassen. Unsere anfangs noch teigigen „Meinungen“ zu aufpoppenden gesellschaftsrelevanten Themen werden laufend medial geknetet und durch Framing in die gewünschte Form gebacken. In Wirtschaft, Medien und Politik oder auch zu Hause wird an unseren Überzeugungen gezerrt. Clever inszenierte „Deutungsrahmen“ (Frames) und Metaphern kommen gezielt zum Einsatz. Sie suggerieren ein Bild und legen uns (Trug-)Schlüsse nahe, die wir dann für unsere eigene Meinung halten. Wir werden jede Sekunde beeinflusst – auch ohne Facebook oder Fernsehapparat.

Während die Linken beispielsweise vielerorts jeden Flüchtling als Bereicherung unserer Kultur „verkaufen“, versuchen die Rechten die Bevölkerung vor Überfremdung zu „schützen“. Ein Immobilienmakler versieht eine abrissreife Aussichtslosigkeit auf dem Häusermarkt mit dem Prädikat „Bastlerhit“. Die Reisebürobranche setzt „Familienhotel“ gleich mit Remi-Demi vom Frühstückstisch bis zur Poolbar und in der Lobby. Kurz: Kinderlärm und Chaos den ganzen Tag über inklusive.

Wortschatz erweitert den Horizont

In der Rhetorik sind Wortschatzerweiterungen auch deshalb so wichtig, weil gute Redner variantenreich erzählen können und viele Synonyme und Antonyme kennen. Außerdem setzen sie gezielt sprachliche Frames ein. Bewusst gewählte Darstellungen und Wortschattierungen in gutgezimmerte Frames erschaffen schließlich die gewünschte Stimmung. Manipulation ist keine Raketenwissenschaft.

Je mehr wir jedoch wissen über Worttemperatur und feine Abstufungen bei der Wortwahl, desto schneller erkennen wir wann wir manipuliert werden.

Zahlreiche Begriffe und Sprachnuancen verfügbar zu haben, garantiert außerdem die Welt in größerer Vielfalt und Buntheit zu erleben. Weinkenner beispielsweise verbinden mit Degustationsvokabeln ganz bestimmte Eigenschaften, die sich einem Laien nie erschließen werden. Wortschatz ist eben Wissensvorsprung und der kann reich machen.

Für viele Menschen gibt es bei Farben die Unterscheidung hell und dunkel. Für Fashionista hingegen sind Babyblau, Lavendel, Indigo, Kobalt, Mittelblau, Ultramarine, Taubenblau, Türkis, Königsblau, Azur, Pastelblau oder Mitternachtsblau völlig unterschiedliche Farbtöne.

Auch ein Musiker weiß, warum der Dominantseptakkord so viel Spannung erzeugt. Nur wer gelernt hat ihn zu hören, der erkennt hinter Noten und Klängen seine musikalische Bedeutung.

Fazit: Je mehr Worte wir benennen können, umso nuancenreicher gestalten sich unsere Sprachbilder. Berufliche Vielredner kümmern sich im neuen Jahr um die Macht und Wirkung ihrer Worte. Stimmungen werden schließlich auch durch metaphorische Frames beeinflusst und die kann wirklich jeder lernen! Wer sich nicht gerne manipulieren lassen will, der sollte sich mit Framing und der Wirkung von versteckten Botschaften auseinandersetzen.