„Sprechen Sie Emojis?“

Für die ergrauten Digital Immigrants ist der PC noch ein kaltes Gerät, ein Arbeitsapparat, dessen Anwendung mühsam erlernt werden musste. Für die Jüngeren ist es eine soziale Maschine, auf der man während des TV-Konsums auch online sein kann. Emojis drücken unsere Stimmung aus und verbreiten Laune. Nichts ist vom Credo der Altvorderen zu halten, wonach konzentriertes Arbeiten stets getrennt von Genießen oder Unterhaltung laufen muss. Warum auch? Multitasking, zappen und lieber SMS oder WhatsApp senden als telefonieren, wurde den Jungen in die Wiege gelegt. Sie vertrauen den Leserkritiken im Netz oder den Kundenbewertungen auf Amazon lieber als der klassischen Mundpropaganda. Während die reiferen Immigrants sich um Datenschutz, verunreinigte Informationsquellen und Konsequenzen rund um uns „gläserne Menschen“ sorgen, haben die chattenden Natives wenig Probleme damit, Privatleben und Arbeitsleben zu verschmelzen. Die Generation X misstraut dafür den traditionellen Wissensautoritäten und denkt in flacheren Hierarchien, nicht in strukturellen Organigrammen. Online persönliche Details preis zu geben macht ihnen nichts aus.

Wie sich Kommunikation verändert?

Egal, ob in der hohen Managementebene oder im Kreativbereich – alle verwenden die lustigen Icons. Tatjana, warum sind sie so beliebt?

Tatjana: Emoticons sind nicht neu! Diese Wortkreuzung aus Emotion und Icon hatte ursprünglich die Funktion, auch Stimmungen und die Körpersprache in den Redefluss einzubeziehen. Alleine die Wortkreation ist neu, denn Emoticons gab es bereits vor 130 Jahren (1881!!). Alte und neue Smileys ergänzen den Erzähltext und bieten ein Stimmungsbarometer über die Laune des Verfassers. Ironische Botschaften und Wortwitz lassen sich genauso durch augenzwinkernde Männchen darstellen, wie Sorge oder Wut durch mimisch verzerrte Gesichter. Satzzeichen bekamen auf diese Weise erstmals eine völlig neue Bedeutung. Jeder weiß, was Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer zu heißt: ;-)!

Bald soll es Emojis auch in Passwörtern geben. Sind die Icons auch in Büchern, vielleicht sogar Schulbüchern denkbar? Wie schaut’s mit Bewerbungsschreiben aus?

Tatjana: Emoticons, Icons und Piktogramme sind elektronische Token, die sogar in die geschriebene Sprache Einzug finden. Selbst auf handgeschriebenen Post-Its finden sich diese Zeichen „:-)“, obwohl diese Smileys ursprünglich nur deshalb schräg gestellt wurden, weil man anfangs elektronisch noch kein aufrechtes grinsendes Mondgesicht darstellen konnte. „Form follows function“ ist hier überholt und außer Kraft gesetzt. Seitlich geschriebene Smileys wurden demnach sogar wieder zurück in die handgeschriebene Schriftsprache implementiert.

Und ja, es gibt Icons mittlerweile auch schon in Bewerbungsschreiben. Für die Rubrik „Ausbildungen“ findet man immer öfter Graduierungskappen, die sogenannten „Square Caps“.

Die Gefahr: falsche Signale aussenden

Tatjana: Befremdlich sind beispielsweise Pistolen oder andere grafisch stilisierte Waffen als „Secret Weapon“, wenn Bewerber ihre besonderen Talente oder herausragenden Fähigkeiten positiv herausstellen wollen. Das wirkt dann weder positiv noch einladend. Kein Chef will sich schon in der Bewerbungsphase bedroht fühlen.

Welche positiven Seiten können Sie dem Trend abgewinnen?

Tatjana: Piktogramme sind Vorläufer vieler Sprachen. Heute dienen sie wieder zur Vereinheitlichung. Egal aus welchem Land jemand kommt, welche Bildung jemand erfahren hat – die kleinen Bildchen sind für jedermann decodierbar. Auch hier hat die Globalisierung Spuren hinterlassen. Internationalisierte Symbole sind ISO zertifiziert (ISO 7001) und müssen interkulturell verständlich sein, genauso wie beispielsweise Verkehrsschilder.
Längst finden sie sich in Arbeitsbüchern, als Ankündigung von Übungspassagen oder als grafische Elemente, die zur Strukturierung von Texten dienen und das Layout aufgeräumt erscheinen lassen.

Vorteil: sie sind international verständlich und brauchen daher keine Übersetzung, denn wir haben ihre Bedeutung längt gelernt. Und falls unbekannt, sind sie meistens doch selbsterklärend.

Gibt es auch Nachteile?

Tatjana: Klar! Piktogramme sind zwar bildhaft und ersetzen den Buchstabenwald, sie verführen aber auch zu vereinfachter Denkweise. Denn: Unsere Welt ist komplex. Das Dickicht der fortschrittlichen Erkenntnisse, Innovationen und Errungenschaften wirkt  undurchdringbar. Dahinter fallen die Meinungen des Einzelnen vielerorts in einen Dornröschenschlaf. Die häufigsten Ausreden zu aktuellen und politisch relevanten Themenstellungen, die ich auch im Trainingsalltag erlebe: „Das ist mir zu kompliziert…!“, „Dazu fällt mir gerade nichts ein.“, „Darüber weiß ich zu wenig.“ Die eigene Meinung wird immer öfter von der Situation und dem jeweiligen Gesprächspartner abhängig gemacht. Damit ist sie so wechselhaft, wie das Wetter im April. Doch die persönlichen Ansichten jedes einzelnen sind heute gefragt! Demokratie braucht schließlich Standpunkte. In einer denkfaulen Gesellschaft haben Populisten und Meinungsmacher ein leichtes Spiel.

Wo haben die beliebten Emojis definitiv nichts verloren?

Tatjana: In Schriftstücken, die offiziell, seriös und amtlich sind, sollte man sich Emojis sparen. Niemand braucht ein Sad-Smiley im Kondolenzbuch, auf den Scheidungspapieren oder im Kündigungsbrief.