Konfliktgespräche sind Charaktersache

11. Juni 2021 von Tatjana Lackner, MBA

Konfliktgespräche sind Charaktersache 

Es gibt hunderte Bücher über Konfliktursachen, Streitgespräche, eristische Dialektik & Co. Dennoch verläuft jeder Disput haarscharf entlang der Charakterlinien der jeweils Betroffenen. Gestritten wird immer: In Beziehungen, beim Erziehen, an Nachbarschaftsgrenzen, im Job und auf der Straße beim Autofahren. 

Der ehrliche Grundton muss hörbar sein 

Ob wir mit jemanden auf einen grünen Zweig kommen, hat viel mit Kompromissfähigkeit und der grundsätzlichen Schlichtungsabsicht zu tun. Wie oft haben uns manche Menschen schon versprochen sich zu bessern: “Ja, Du hast recht. Ich muss pünktlicher werden.” oder “Es tut mir leid, dass ich gelegentlich in der Beziehung zu wenig aufmerksam bin. Ich bemühe mich wieder mehr, okay?” 

Die Frage ist: Wollen wir diese Lippenbekenntnisse und guten Vorsätze glauben oder nehmen die nächste Kränkung in Kauf und können wir mit Differenzen leben? 

Der Charakter eines Menschen ist zwar form-, aber in den seltensten Fällen und nur durch drastische Maßnahmen völlig veränderbar. Tief drinnen wissen wir das. Selbst gutgemeinte Beteuerungen trösten uns deshalb nicht. 

Worte sind mächtig 

Ebenso, wie uns Worte in Rage bringen, so können sie auch gute Schnuller sein, um uns gewogen zu halten und situativ ruhig zu stellen. Es gibt brillante Manipulierer, denen wir vor allem deshalb verzeihen, weil wir glauben möchten, was alles formschön versprochen wurde. 

Wer hingegen seine Abmachung bricht und dann auch noch den Mund voll nimmt macht uns grantig. Beispiel: Er hat ihr versprochen anzurufen, wenn es später wird. Nun kommt er deutlich nach Mitternacht heim und sagt dann auch noch: “Du bist nicht meine Mutter, bei der ich mich an- und abmelden muss, Herrgott!”  

Wenn Lebenspläne unterschiedliche Maßstäbe haben 

Wir streiten gerade in Beziehungen am häufigsten der unterschiedlichen Lebenspläne wegen, aber auch aus Eifersucht oder dem alten “Nähe-und-Distanz”- Spielchen: Er braucht Luft zum Atmen, sie will lieber alles gemeinsam machen oder umgekehrt. 

Geld ist zudem immer ein Grund, um sich in die Haare zu bekommen, besonders dann, wenn zu wenig davon verfügbar ist. Doch: Selbst bei Millionären kann Geld zum Gratmesser in Beziehungen werden. Stichwort: “Du bist doch nur meines Geldes wegen mit mir zusammen!” 

Wie viele Paare hätten den Himmel auf Erden, wenn sie alleine auf der Welt wandelten. Für manche Frau wäre er als Vollwaise der absolute Traummann. Aber das Schwiegermonster oder die mühsame Ex, die übel erzogenen Kinder aus Vorbeziehungen oder die peinlichen Freunde! Ein wahrer Albtraum! 

Mein Schatz ist perfekt, aber … 

Oft erlebe ich, dass besonders Frauen dazu neigen den Liebsten als Opfer seines Umfeldes zu betrachten. Das ist er nicht. Die kritisch beäugte Kernfamilie hat ihn charakterlich über die Jahre geprägt und wahrscheinlich hat er mehr mit den seinen gemeinsam als Madame lieb und bewusst ist. Dazu kommt: Die Ex oder die “tollen” Freunde hat er sich sogar selber ausgesucht. 

Wenn Ego mit Ehre verwechselt wird 

Kränkungen spielen in Konflikten eine große Rolle. Der eine zieht sich beim erlebten Gesichtsverlust zurück, der andere wird laut und aggressiv. Wie wir mit Ärger umgehen, ist ebenso Charaktersache, wie die Art, mit der wir wieder einlenken. Während mit A ein kontrollierter Dialog und klare Gesprächsspielregeln möglich sind, ist B nicht in der Lage aktiv zuzuhören. Für B ist die strittige Sache erst erledigt, wenn er seinen Kopf durchgesetzt hat. Bei ihm sind deshalb Drohungen und Machtdemonstrationen an der Tagesordnung. Ehre wird mit Ego verwechselt und zum Herunterkochen eines Streits ist er gar nicht erst bereit. Seine polternde Grundhaltung wird sich durch den besten Gesprächstherapeuten der Welt nicht ändern. Maximal kann vereinbart werden: “We agree to disagree”, aber in der gelebten Praxis wird ihm das auch nicht reichen. 

Eisberge zeigen nur einen Teil ihrer Größe 

Ich erinnere mich noch gut an Sibylle. Sie war vor einigen Jahren im Konflikttraining bei mir. Egal, was ihr Mann beziehungsschlichtendes vorgeschlagen hat – und er hatte sich damals wirklich um die Ehe bemüht – alles war für sie eine Zumutung. Dabei wollte auch sie ehrlich an der Beziehungskrise und ihrer Gesprächsführung arbeiten. 

Sigmund Freuds Eisbergmodell – wonach sich 80 % unserer Ängste, Wertanschauungen und verdrängten Konflikten unter der Oberfläche befinden – hat Klarheit gebracht. Sibylle wurde in ihrer Vorbeziehung betrogen und uralte Ängste sind wieder hochgekommen. Ihr Ex hatte sie in vordergründig liebevoller und manipulierender Weise immer wieder überredet sich zu bessern. Diese zugewandte Art der Konfliktsprache hat sie bei ihrem heutigen Ehemann wiedererkannt und ihn unbewusst büßen lassen für die Verletzungen eines anderen. Erst als Sibylle selber gemerkt hat, dass sich zwar die Worte ähneln, nicht jedoch die Männer ging es für ihre Ehe wieder bergauf. Sie wurde weicher, kompromissbereit und war ihrem Mann im Nachhinein sogar dankbar für sein Engagement in der Krise. 

Fazit: In der Kommunikation finden sich viele gute Methoden, um Konflikte zu deeskalieren und Streits zu schlichten. Ich bin nach drei Jahrzehnten als Rhetorik-Strategin auch davon überzeugt: Wir sollten wieder verstärkt lernen Menschen zu lesen, ihre Antreiber zu verstehen und Charakterkunde betreiben. Das würde im Vorfeld viele Zwiste und böse Überraschungen abfedern. 

Themen: Tatjana LacknerStreitGesichtsverlustKränkungenKonfliktDisputCharakterEisberg-Modell