Positivdenker können nerven

Die Fühl-Dich-Gut-Fundamentalisten

Bestimmt sind die Problemschrauben unter uns gelegentlich mühsam und hart zu ertragen. Vielleicht hat sich deshalb ein Retro-Trend aus den 1980er Jahren etabliert, eine Art Gesinnung, die damals schon auf den Wellen von „Take it easy – das Leben ist hart genug“ segelte. Vielerorts formieren sich Einmann-Shows (die gerne auch weiblich sind) oder selbsternannte Lebensbewältiger, die mit aufdringlicher Lebensfreude und infantilem Grinsen unüberhörbar den Subtext buchstabieren: „Ich bin gut drauf“ ergo: „Muss ich es richtig machen“ und: „DU kannst Dir von meinen einfachen Lebensformeln eine Scheibe abschneiden“!

Gutgelaunte Nervensägen

Klar, wer die Anspruchskurve des denkenden Lebens soweit scharf „schneidet“, dass sich das Dasein auf bisserl Sport, gut essen, wenig nachdenken und viel Spaß mit anderen haben reduziert, der hätte zwar auch Pudel werden können, aber vor allem fühlt er sich pudelwohl. Im Englischen heißen diese Menschen „happy-go-lucky“. Sie sind in Besitz des Rundum-sorglos-Pakets im Bezug auf ihre Zukunft.

Ausgerechnet jene Menschen, die sich vorwiegend um die eigenen banalen Belange kümmern und gesellschaftlich wenig beitragen, da sie weder politisch interessiert noch über den Tellerrand informiert sind, versuchen dann ihr „Grinsekuchen-Rezept“ zum Verkaufsschlager zu machen. Dabei können manche nicht einmal unterscheiden zwischen „lucky“ und „happy“, also dem Glück beim Lottosechser und ihrem beneidenswerten Gemütszustand. Gerne behelligen sie andere dafür mit: „Glaubst Du nicht, dass Du einfach zu viel nachdenkst?“ und ähnlichen Bullshit-Bingo-Sätzen. 

Würden wir übrigen uns alle in die Schleife des einfältigen Glücks „eingrooven“, dann wäre diese Welt empfindlich gefährdet. Die Fühl-Dich-Gut-Fundamentalisten scheren sich nämlich nicht darum, wo es Kriege gibt oder in welchen Krisenregionen politische Spielchen eskalieren, sodass sich die Menschen dort eben nicht „so gut fühlen“ können. Ignoranz ist kein Verbrechen, aber sie muss von den Denkern aufgefangen werden. Denn: Irgendwer sollte sich nämlich um Bürgerrechte, faire Gesetze und die lästigen Themen der Welt kümmern, damit andere zufrieden um den eigenen Bauchnabel kreisen können. Die Grinsekuchenabteilung kontert gerne mit dem tödlichen Ass im Ärmel: „Sterben müssen wir alle und bis dahin sollte jeder eine gute Zeit haben!“ Ja, eh!