Wer häufiger auf öffentlichen Veranstaltungen ist, weiß, wie sich eine Rückkopplung anhört: Ein unangenehmes, durchdringendes Pfeifen, das lauter und lauter wird. Eine Rückkopplung (englisch: Feedback) entsteht, wenn ein Mikrofon zu nah an seinem Lautsprecher steht und die Ausgabe des Lautsprechers aufnimmt. Der Lautsprecher gibt das Signal verstärkt wieder, das Mikrofon nimmt es erneut auf – und so weiter, und so fort.
Doch nicht nur die Soundtechnik kennt Rückkopplungen: Auch Menschen sind vor Verhaltensmustern nicht gefeit, die in eine Feedbackschleife münden. Der Oldie unter den Beispielen ist das Angler-Klischee, das gerade unter Männern am Tresen große Beliebtheit findet – frei nach dem Motto: “Meiner ist viel größer.” Wer es gern historisch mag, denke an das Wettrüsten zwischen NATO und Warschauer Pakt im vorherigen Jahrhundert.
Der Fachausdruck für derartige menschliche Feedbackschleifen ist “Schismogenese”. Geprägt hat ihn der Anthropologe Gregory Bateson im letzten Jahrhundert.1 Laut Bateson kommt die Schismogenese in zwei Formen daher: Symmetrisch und Komplementär.
Unsere obigen Beispiele sind Formen symmetrischer Schismogenese: Zwei Menschen oder Gruppen verfolgen (für sich, nicht kooperativ) dasselbe Ziel und auch dasselbe Verhaltensmuster. Um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie den andern immer wieder überbieten – es entsteht ein Teufelskreis.
Bei der komplementären Schismogenese verfolgen zwei Menschen oder Gruppen komplett entgegengesetzte Ziele und Verhaltensmuster – und geraten dennoch in eine Feedbackschleife. Renate hat das Gefühl, dass ihr Mitarbeiter Lars nicht dazu in der Lage ist, selbst Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen. Sie beginnt, ihm all seine Aufgaben und Arbeitsschritte vorzugeben. Lars ist vom übergriffigen Micromanagement beleidigt, und schaltet seinerseits aus Protest auf Dienst nach Vorschrift. Die Eskalation ist vorprogrammiert.
Um die Eskalation aufzuhalten, gibt es – wie in der Soundtechnik – meist nur eine Möglichkeit: Sobald man die Rückkopplung hört, Lautsprecher und Mikrofon so weit auseinanderbringen, dass die Feedbackschleife nicht mehr entstehen kann; warten, bis die Rückkopplung aufhört, und erneut einsteigen.
Fazit: In der Kommunikation ist bei Schismogenese ein Neubeginn ebenfalls der beste Schritt. Leider führen menschliche Rückkopplungen – anders als akustische – häufig erst dann zu lauten Tönen, wenn die Eskalationsstufe schon erreicht ist.
Ein Gastbeitrag von Jens Kaldenbach















































