So ein Stuss? Schluss mit Denialismus!

17. November 2021 von Tatjana Lackner, MBA

Denialismus wird in den nächsten Jahren gesellschaftlich noch stärker ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken.

Der Begriff selbst ist noch recht jung und entstand im Frankreich[1] der 1980er Jahre. Erstmals bildete sich hier eine Blase von Historikern, die die Existenz von Gaskammern im Zweiten Weltkrieg anzweifelten. Denialismus kann übersetzt werden mit “Wissenschaftsleugnung” und die erleben wir gerade in vielen Bereichen. Da ist die Impfdebatte wahrscheinlich nur eine einzelne Blüte.

Donald Trump beispielsweise war bekennender Klimaleugner, der brasilianische Machthaber Jair Bolsonaro präsentierte sich stets als stolzer Coronazweifler. Als er, seine Frau Michelle und fünf seiner Minister erkrankten, hielt er sich nicht an die Quarantäne und bezeichnete das Virus als “leichte Grippe”.

Elektroautos, Migration und andere Themen fördern laufend “alternative Wahrheiten” zu Tage. Interessant dabei ist, dass die Verbreiter ursprünglich selbst aus dem akademischen Kreis kommen und Thesen in die Welt entlassen, die später kaum mehr aufzuhalten sind. Selbst, wenn diese längst wissenschaftlich entkräftet wurden, vervielfältigen sie sich oft noch jahrzehntelang auf dem fruchtbaren Boden des Populus.

Verschwörungstheorien sind so alt, wie die Menschheitsgeschichte. Doch durch die voranschreitende Digitalisierung sind Studienergebnisse und Analysen für jedermann von überall abrufbar.

Der Erkenntnistheoretiker und Immunologe Ludwik Fleck[2] hat bereits 1935 in seinem Buch “Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache” anhand der Syphilis darauf hingewiesen, dass die Beharrungstendenzen der vorherrschenden Meinungssysteme nicht zu unterschätzen sind. Auch Fleck war davon überzeugt, dass sich eine Uridee – damals sprach man beispielsweise vom “verdorbenen Syphilisblut” – lange hält.

Den Mainstream mit all seinen Denkkollektiven und Meinungsklügel überhaupt zu bewegen ist – vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Welt – nicht leichter geworden.

Die Akademische Gesellschaft[3] für Unternehmensführung & Kommunikation (AGUK) in Leipzig stellte kürzlich in einer umfangreichen Trendstudie fest, dass sich Denialismus zukünftig verstärkt auf die Unternehmenskommunikation sämtlicher Bereiche auswirken wird – in Gesellschaft, Technologie, Medizin und auch im Management.

Wir werden uns also in den nächsten Jahren noch wärmer anziehen müssen, um uns rhetorisch-strategisch gegen Halbwahrheiten, Ammenmärchen und Lügengespinste zu wappnen.

Früher galt “eine neue Studie hat bewiesen” als höchste Karte im Spiel der Erkenntnis. Diese sticht heute nicht mehr. Zudem erleben wir bei vielen Themen inhaltliches “Cherry-Picking”. Richtige Zahlen werden zwar in der Argumentation verwendet, aber in völlig anderen Kontext gekleidet, so, dass die Conclusio schlicht falsch ist.

Auf dem Scienceblog des Gesundheitswissenschaftlers Joseph Kuhn[4] erfährt man die fünf Kniffe der Denialisten:

1. Anführen falscher Experten,
2. Argumentieren mit logischen Trugschlüssen,
3. Einfordern unerfüllbarer Erwartungen,
4. Rosinenpicken, selektives Anführen von Evidenz,
5. Aufbauen von Verschwörungstheorien.

Darunter fällt auch der sogenannte “Red Herring”. Man schmeißt eine Killerphrase oder einen Trugschluß in die Diskussion und “führt die anderen auf eine falsche Fährte”. Der Begriff “Red Herring” geht auf die alte Mär zurück, dass einst Jagdhunde durch penetranten Fischgeruch abgelenkt und ausgetrickst werden konnten.


[1] https://www.pressenza.com/de/2020/06/denialismus-das-verleugnen-der-realitaet-schadet-allen-und-behindert-das-gemeinwohl/, Stand 11/21

[2] FLECK, Ludwik: “Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache”, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2019, S.40ff

[3] https://www.pr-journal.de/lese-tipps/studien/26412-studie-fuenf-trends-die-die-kommunikation-in-2021-veraendern-werden.html, Stand 11/21

[4] https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2016/03/13/die-grundfesten-des-denialismus-auf-einen-blick/, Stand 11/21

Themen: VerschwörungTrumpCoronaDenialismusRed HerringKillerphraseTrugschlussLügeAmmenmärchenBolsonaro
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