Wir verteidigen täglich unser Selbstkonzept

In jeder Psyche wohnt ein Fatalist. Dieser Fatalist kämpft den ganzen Tag darum, dass unser Selbstkonzept keinen Schaden erleidet. Wie? Durch Kommunikation!

Wir suchen Verbündete

Jemand, der in meinem Vortrag sitzt – vielleicht jetzt gerade – und das Gefühl hat, „Frau Lackner erzählt den blanken Unsinn“, der wird in der Pause nach Bestätigung suchen. Wie? Vielleicht wird er sich einem anderen Vortragsteilnehmer anvertrauen – je nachdem, wie bedroht sein Selbstkonzept durch meine Worte wurde. Das tut er vor allem in der Hoffnung, dass auch der andere in seine Entrüstung einschwingt und ihm kopfnickend Recht gibt. Logischer Weise wird er sich nicht jemanden suchen, der noch glühenden Auges „Bravo!“ ruft. Unser Selbstkonzept ist schließlich kein Harakiri-Kommando. Wir suchen positive Zuwendung durch Bestätigung und keine Dissonanz.

Unter dem Selbstkonzept versteht man die Wahrnehmung und das Wissen um die eigene Person mit all unseren Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle, aber auch Vorbehalten. „Waas? Du magst auch keine Oliven? Ich auch nicht“. Sogar kleine Kinder untersuchen neue Spielkameraden bereits auf Gemeinsamkeiten; die dürfen ohne weiteres auch in der gemeinsamen Ablehnung liegen: „Ich mag die Lena auch nicht. Sie ist so langweilig und kommt sich dabei gut vor.“

Aktuell leben in einer Zeit in der die persönlichen Befindlichkeiten und Eigen-Gebrauchsanweisungen Konjunktur haben. Die Entscheidung „mag ich“ oder „mag ich nicht“ ist wohltuend einfach zu treffen und in Form von Daumen-Symbolen als „Likes“ noch sympathischer.

Was bekommt Dein Mann heuer?

Nein, wir schenken einander nichts. Auch nicht zum Geburtstag. Wir verbringen lieber Zeit miteinander. Man weiß ja: je größer die Geschenke, desto kleiner die Liebe.

Die vielen Glaubenssätze, Meinungen, Wertekorsette und Überzeugungen, die wir vor uns hertragen – sie alle sind leuchtende Reklameschilder für unser Ego und damit Produkte unserer Psyche. Kurz: Durch Worte werden unsere Fatalismen nach außen verteidigt. Wir sind nicht zimperlich, wenn es darum geht Erklärungen, Rechtfertigungen oder Killerphrasen vom Stapel zu lassen. Auch vor uns selbst.

Facebook – Honig fürs Ego

Selten kontrollieren wir, ob wir uns wirklich über eine schräge Meldung geärgert haben oder über den fehlenden Bestätigungs-Nektar für unser Daseins-Konzept! Anders herum: Wer uns recht gibt, uns bewundert oder in den sozialen Netzwerken „liked“, der bestätigt uns und unser Lebensdesign. – Das schüttet sogar Dopamin im Gehirn aus. Es „macht also etwas“ mit uns.

Fazit: Viele Killerphrasen sind reine verbale Selbstverteidigung, weil jemand instinktiv „sein Gesicht retten“ muss. Eine andere Haltung gefährdet offenbar in dem Moment die eigene kleine Welt. Durch die entstehende Wertedivergenz oder Zweifel am Selbstkonzept sind wir manchmal richtiggehend zerknirscht und unser Ego leidet.

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