Die Gleichzeitigkeit des Seins

Viele Aufgaben erledigen wir im Zuge eines Tages in ganz unterschiedlichen Rollen.

These:

Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister: „Was unterscheidet den Zen-Meister von einem Zen-Schüler?“

Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“

 „Wieso? Das mache ich doch auch.“

Der Zen-Meister antwortet: „Wenn du gehst, denkst du ans Essen und wenn du isst, dann denkst du ans Schlafen. Wenn du schlafen sollst, denkst du an alles Mögliche. Das ist der Unterschied.“

Mit Ideen und Zen-Weisheiten dieser Art bin ich zur Achtsamkeit erzogen worden. Meine 68er Eltern haben das bestimmt gut gemeint, wenn auch selber selten vorgelebt.

Antithese:

Demgegenüber lernte ich schnell die Lebensbetrachtungen anderer Denker kennen. Johann Wolfgang von Goethe ist hier immer für einen Sinnspruch gut:

Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.

Neben Schlafen, Essen, Körperpflege, Wegzeiten und dem ganz normalen Alltag war mir schon als Schulkind klar, das wird zeitlich knapp werden. Außerdem empfahl er seinen Lesern:

Stürze Dich kühn in die Fülle des Lebens.

Synthese:

Viele Aufgaben erledigen wir im Zuge eines Tages in ganz unterschiedlichen Rollen. Während ich als Mutter beispielsweise morgens um 6:30 die Obststücke in witzige Formen schneide und als Schuljause für meinen Sohn liebevoll verpacke, checke ich parallel in der Rolle der Unternehmerin die eingegangenen E-Mails im Überblick.

Wenn wir die Zeitachse vergrößern, dann wird die Gleichzeitigkeit des Seins noch klarer erkennbar. Sie teilt sich in drei Kanon-Melodien:

  1. privat
  2. beruflich
  3. und persönlich.

Diese bestehen ihrerseits wieder aus unterschiedlich langen Tönen:

Im privaten Kanon geht es bei mir aktuell um die Themen: Oma werden, Mutter sein und Geliebte bleiben. Alles gleichzeitig im Dreiklang. Mit 46 bin ich zwar keine blutjunge Großmutter (meine Mutter war damals knapp 10 Jahre jünger, als sie selbst Oma wurde), aber ich versorge noch einen 12-jährigen für den ich Mama bin. Außerdem liebe ich seit acht Jahren einen jüngeren Mann, mit dem ich gerne in den Club gehe (und zwar gar nicht wie eine Oma ;-)) und der seinerseits sogar bereit ist Opa zu sein.

Die Gleichzeitigkeit des Seins endet aber nicht mit meinen Privatleben, sondern setzt sich – wie bei jedem anderen auch – beruflich fort. Auf der einen Seite bin ich Unternehmerin und seit 25 Jahren verantwortlich für andere Menschen und deren Einkommen, aber auch für den guten Ruf unseres Hauses. Gleichzeitig stehe ich selbst im Unterricht und kenne die Herausforderungen des modernen Trainerlebens nur allzu gut. Egal, wie routiniert wir unseren Unterricht gestalten – immer braucht es die Lernbereitschaft mit technischen Neuerungen umzugehen: Wie funktioniert beispielsweise ein Smartbord oder wie lässt sich YouTube direkt integrieren? Wie kann man auch unterwegs auf einem MacBookAir im Präsentationstool „Prezi“ etwas für den Kunden ändern? Wie logt man sich ins Dozenten-Net an der jeweiligen FH oder welche Universität verwendet immer noch lichtschwache Beamer, weshalb ich meine Farben online ständig ändern muss?

Zu meinem beruflichen Verständnis gehört klarerweise auch journalistisch präsent zu sein. Fünf Bücher und regelmäßige Kolumnen schreiben sich aber nicht von selbst und brauchen Zeit für Recherche und die Muße kritische Fragen zu formulieren. Außerdem liebe ich für den monatlichen Newsletter meiner eigenen Kunden zu schreiben und pflege auch mit Liebe einen Blog. Für die Zen-Lebensweise bleibt da wenig Umsetzungs-Chance. Selbst die gegebenen 24 Stunden täglich reichen mir für die Vielfalt meines Lebens oft nicht aus.

Dabei bin ich wenigstens im persönlichen Kanon recht unambitioniert: ich bin froh über die vergangenen Tage, die lebendig und bunt waren. Wenn zwischendurch auch mal Zeit bleibt um zu Reisen und meine Fremdsprachen fit zu halten bin ich schon dankbar. Gerne stelle ich mich der Gegenwart. Am liebsten mit einer Kamera in der Hand und natürlich sorge ich mich sanft um die Zukunft – meine eigene ebenso, wie die des Planeten – auch das passiert gleichzeitig.

Fazit:

Ich breche hiermit keine Lanze fürs Multitasking, denn davon halte ich bei gedankenintensiveren Aufgaben recht wenig. Natürlich können wir im selben Augenblick atmen, während wir uns die Schuhe zubinden und nach dem Autoschlüssel Ausschau halten. Kein Kunststück!

Für tiefgründigere Überlegungen brauchen wir aber Ruhe und Konzentration, da stört mitunter sogar das Ticken der Wanduhr. Wahrscheinlich ist es heute wichtig von vielem etwas zu verstehen und dabei nicht darauf zu vergessen, sich auf ausgewähltem Gebiet als Experten zu verfeinern.