Filmkritik: “Rimini”

13. April 2022 von Tatjana Lackner, MBA

Die Geschichte von Richie Bravo ist schnell erzählt: Der Teilzeit-Gigolo scheitert in den unterschiedlichen Rollen seines abgehalfterten Lebens: Als Vater hat er versagt, das wirft ihm seine unsympathische Tochter, die ihn in Italien aufspürt, sogar persönlich vor. Als Mann hat er keine solide Liebesbeziehung vorzuweisen. Stattdessen beglückt er gegen finanzielle Zuwendungen die mit ihm altgewordenen Damen aus seinem eigenen Fanklub. Das klappt sexuell mal besser, mal schlechter. Als gealterter Star ist er vom Leben und dem Nikotin gezeichnet. Stimmlich erinnert er an Bata Illic und die anderen herumtingelnden Schlagersänger der 1980er Jahre. 

Richie ist jedoch selbst seinen Damen kein guter Freund. Den Ehemann einer Emilia beispielsweise erpresst er sogar mit dem Sextape, das er von seiner Frau angefertigt hat. 

Wer zudem im Alterswohnheim versucht den eigenen Vater zu bestehlen, gehört wohl nicht zu den ganz guten Söhnen. 

Ulrich Seidl schafft es dennoch, dass man Richie an verschiedenen Stellen des Filmes mag. 

Rimini im Winter gibt eine perfekte Kulisse für die trostlose Grundstimmung des Werkes ab. Die Vergänglichkeit zieht sich als Thema durch den Film, wie die Liebe und das Scheitern. 

Die Adriametropole hat über die Jahrzehnte offenbar nicht nur an Charme verloren, sondern auch an architektonischen Hotel-Bauverbrechen dazugewonnen. Die Migrationsproblematik wird von Seidl ebenfalls im Film aufgegriffen. Statt Dur spielt Seidl Moll in allen Sequenzen. 

Der Umstand, dass Hauptdarsteller Michael Thomas auch in “der Wirklichkeit” vom Leben gezeichnet ist erklärt wohl, warum er für seine – ohne Zweifel – beachtliche schauspielerische Leistung nicht eigens ausgezeichnet wurde. Denn: Wo verläuft die Grenze zwischen jemand ist “gut gecastet” und der ist “im normalen Leben” auch so? 

Der sehenswerteste Teil in Bezug auf “Rimini” ist ein Standard-Video-Interview mit Ulrich Seidl und seinem Hauptdarsteller. Dort erklärt er, dass er ein Werk rund um Michael Thomas gebaut hat. Wie peinlich ihm die Richie-Bravo-Seite seines Zugpferdes auch nach Drehschluss ist, erlebt man als Zuseher dabei auch. 

Fazit: Der preisgekrönte Filmemacher Ulrich Seidl wäre besser noch mutiger beim Schnitt gewesen. Denn der Streifen hat mit knapp zwei Stunden unnötige Längen, die der Handlung nicht helfen. Auf der “Diagonale 2022”, dem österreichischen Filmfestival, hat das Werk immerhin Furore gemacht. Interessant ist der dokumentarische Filmcharakter einer gänzlich erfunden Geschichte.  

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