Hast Du in Gesprächen den Durchblick?

Die Subtext Reader

Allerorts flöten sich die Menschen wohlfeil an. Auf der Textebene verlaufen die meisten Gespräche im Business-Dschungel und auch im privaten Small-Talk recht wertschätzend. Wer jedoch mehr, als nur Sinn erfassend lesen und verstehen gelernt hat, der hört zwischen den Zeilen deutlich andere Klänge.

Als Kommunikationstrainerin habe ich nach vielen Stunden des konzentrierten Analysierens meiner Kunden, immer öfter das Bedürfnis nach Ruhe. In der Freistunde sitze ich deshalb gerne am Graben in der Innenstadt und beobachte das hektische Treiben bei einer hausgemachten Zitronen-Holunderlimonade.

Die Tische stehen in den Wiener Schanigärten und Cafés eng aneinander, um aus uns Gäste maximalen Profit herauszupressen. Unweigerlich hört man die Telefonate und Gespräche von allen Seiten. Das stört, wenn man sich selbst mit jemandem unterhalten will. Es ist jedoch herrlich, wenn man nicht reden möchte und nur eintaucht. „Du das ist so fein, dass wir uns endlich einmal treffen! Na, Du hast ja auch immer so viel um die Ohren“, flötet die ehemalige Arbeitskollegin der anderen zu – wohlwissend, dass die weder einen neuen Job, noch Stress hat.

Der Herr am Nebentisch tönt in sein Handy: „Natürlich. Ja, ich wollte das ohnehin noch mit Ihrer Abteilung abstimmen, aber offenbar sind Sie mir zuvorgekommen. … Nein, kein Alleingang. Die Charts müssten längst am Weg zu Ihnen sein. Ich kümmere mich sofort darum.“ Er beendet das Gespräch, um gleich darauf einem Kollegen telefonisch aufzutragen: „Du, der Sektionschef will jetzt doch noch vorher die Präsentation sehen. Kannst Du ihm die Charts bitte asap schicken? …“

Die Context Reader

Neben den kleinen Flunkereien und inhaltlichen Unterschieden zwischen Text und Subtext gibt es aber auch jene, die unbeirrt um den Kontext kämpfen und den Subtext schier ignorieren. Ein Architekt sitzt mit seiner Kundin zwei Tische weiter und skizziert ihr die Lösung für den geplanten Wintergarten. Sie scheint von den Profi-Vorschlägen nicht begeistert zu sein: „Na, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so gut aussieht. Es ist ja wieder ein Glashaus-Entwurf!“ Dipl. Ing Kurt ist ein Context Reader und darauf trainiert, Zusammenhänge herzustellen. Befindlichkeiten oder Zweifel aus dem Subtext hört er schlicht nicht. „Es geht bei einem gelungenen Wintergarten-Konzept immer um die optische Vergrößerung des Wohnraumes und um das Licht. Sehen Sie und so gewinnt der Raum Tiefe.“ Die Kundin versucht nun den schwarzen Peter an ihren absenten Ehegatten weiterzureichen: „Ich werde das mit meinem Mann besprechen, aber ich bin nicht sicher, ob ihm das gefällt.“ Architekt Kurt nickt zufrieden: „Genau. Und sagen Sie dem Herrn Gatten, dass wir bei den Materialien völlig freie Hand haben.“ Die beiden verabschieden sich voneinander. Während Dipl. Ing. Kurt seiner Frau zuhause erzählt, dass sein Kundengespräch heute gut verlaufen ist, wird die Wintergartenkundin ihren Mann bitten, einen anderen Architekten zu beauftragen.

Direkt hinter mir sitzen Braut und zukünftige Schwiegermutter. Offenbar machen sie erschöpft Pause vom Wedding-Shoppen und sind schon leicht beschwipst von der Hochzeitskleider-Anprobe. „Ich finde ja immer noch, dass Du Dir mit dem Meerjungfernkleid keinen Gefallen tust. Das Satinmodell ist viel edler!“ Die junge Braut hat die gesamte rechte Schulter voller unschöner Tattoos und protestiert patzig: „Ich finde, ich kann es mir von der Figur her leisten und brauch mich nicht verstecken.“ Die Schwiegermutter lenkt ein: „Absolut. Du hast eh eine liebe Figur. Nur eleganter ist ein Kleid, dass nicht schulterfrei ist. Ich bin auch sicher, dass Robert es lieber sieht.“

Während die Braut befürchtet, dass die Schwiegermutter sie für ein körperbetontes Brautkleid nicht in Shape finden könne, sorgt sich diese eher um das Gerede in der besseren Gesellschaft. Sie möchte unbedingt vermeiden, dass sich alle bereits bei Simones Einzug in die Kirche das Maul zerreißen. Robert, ihr Industriellensohn, kommt aus besserem Haus und hat sich ihrer Ansicht nach zwar eine hübsche, aber doch sehr gewöhnliche Frau ausgesucht. Sie versucht seit Wochen das Schlimmste zu verhindern. Bei der Trauung möchte sie weder Simones Tattoos, noch ihre Daumen- und Zehenringe sehen. Lieber geht sie deshalb zum Kleidereinkauf persönlich mit und versucht aus Simone, wenigstens optisch, eine klassische Schönheit zu zaubern.

Während ich meinen letzten Schluck Limonade trinke, denke ich darüber nach für meinen Blog einen Artikel darüber zu schreiben, wie oft wir auf den falsch interpretierten Subtext reagieren.

Fazit: Viele Gespräche sind mühsam, weil Menschen so tun, als könnten sie sich leiden. Es gibt zudem jede Menge Probleme in der Kommunikation, weil Dialogpartner die Kernaussage des Gegenüber missinterpretieren. Sie hören einen anderen Subtext heraus oder ignorieren den Kontext. Dazu kommt noch der Wunsch, aus jedem Gesprächsduell erhobenen Hauptes auszusteigen. Die Geschichten vom Tag, die sich unsere Lieben dann zuhause anhören, haben nur noch wenig mit der Originalsituation zu tun. Zu viele Filter sind mittlerweile über die ursprüngliche Situation drüber gelegt worden.