Identität: Ein Spiegelkabinett voller Likes

24. Juni 2026 von Tatjana Lackner, MBA

Jeden Samstag hoste ich auf Clubhouse einen Audio-Talk. Kürzlich ging es um dieses Thema: Wir glauben zu wissen, wer wir sind. Bis uns jemand einen Spiegel vorhält: Mutter, Tinder-Date oder der verdammte Aufzug um sieben Uhr morgens; und plötzlich sehen wir ein völlig anderes Gesicht. Zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdbild klafft ein Spalt, so scharf wie eine Rasierklinge. Genau in diesem Riss entsteht unser eigentliches Selbst: Halb echt, halb erfunden, wie ein Roman, der sich selbst schreibt. 

Identität ist kein Kern, sondern eine Cocktailparty 

Du hältst Dich für den Gastgeber, dabei bist Du nur ein Nebendarsteller im Blick der anderen. Hier ein paar Szenen aus diesem grotesken Schauspiel: 

  • Auf Instagram posiert Lena lässig. In Wahrheit hat ihr Kinn eine halbe Stunde lang Yoga gemacht, nur um am Ende zufällig zu wirken. 
  • Beim Familientreffen ist Kurt für seine Mutter immer noch das Kind, das ins Planschbecken gepinkelt hat; während er sich einbildet, längst erwachsen zu sein, nur weil er ein Premium Abo bei Spotify zahlt. 
  • Im Jobinterview spricht Cornelia von Visionen, der potenzielle Chef sieht in ihr lediglich eine Schwadroneurin mit Kalenderspruch-Weisheiten. 
  • Um drei Uhr morgens im Club stolpert Horst schwitzend durch den Nebel und hält sich für sexy. Außenstehende sehen einen Mann, der den Ausgang nicht findet. 

So viele Spiegel, so viele Gesichter

Wer hat recht? Alle? Oder niemand? Auch Ex-Partner erinnern sich an unsere Lügen. Wir auch die ihren. Beide haben recht, beide haben Unrecht. Auch das Scheidungsprotokoll schafft neue Identitäten. 

Und weil wir nie sicher sein können, ob wir wirklich gesehen werden, verwandelt sich das Leben in eine Casting-Show. Wir unternehmen alles, um gemocht zu werden: 

Wir optimieren uns zu Tode im Fitnessstudio, schmücken unsere Biografien mit Reisen, schmunzeln über Witze, die wir nicht mögen. Unsere Social-Media-Profile sind sorgfältig gestaltet, wir sind die Kuratoren unserer eigenen Dauerausstellung. Wir filtern unsere Gesichter, als wären sie Kunstwerke. Vielleicht schweigen wir, wenn wir eigentlich schreien sollten. Wir kaufen Autos, Turnschuhe und Handtaschen, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie Codes sind, kleine Signale im sozialen Dschungel: Wie besonders. Bitte wähle mich. Bitte schau mich an. 

Und manchmal, wenn das alles nicht reicht, spielen wir die härteste Rolle: Den Rebellen, der behauptet, ihm sei alles egal. Es ist die billigste Maske von allen. 

Die Wahrheit: Identität ist ein Mosaik aus Blicken, Missverständnissen und alten Geschichten, die andere über uns erzählen. Ein ewiger Balanceakt zwischen Selbstinszenierung und Authentizität. Wir sind nichts weiter als die Summe unserer Widersprüche und damit ein Biotop aus Selbstlügen, Sehnsucht und Spiegelungen. 

Fazit: Vielleicht bleibt am Ende nur dieser Wunsch, ein Augenpaar zu finden, das Dich sieht, ohne dass Du Dich verstellen musst. Ganz ohne alles andere sind Likes. Alles andere ist Lärm.  

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