Shades of Fifty

Tatjana Lackner

Du hast mit „Shades of Fifty“ wirklich tolles Buch geschrieben. Congrats zu vielen wertvollen Betrachtungen und witzigen Formulierungen! Alle wollen alt werden, aber niemand möchte alt aussehen. Wie soll sich das ausgehen?

Sandra Schönthal

Dank Dir vielmals! Wie sich das ausgeht? Gar nicht. Leider. Aaaber: Sobald man das körperliche Altern akzeptiert hat, darf und soll man sich die Vorteile der späteren Jahre vor Augen führen. Wir besitzen jetzt eine neue Härte – eine Intoleranz im besten Sinne – und eine neue Weichheit. Härte: Menschen, die uns ausnützen, mies behandeln oder einfach nur langweilen, werden in die Wüste geschickt. Ende der Zeitverschwendung und Ende davon, jedermanns Liebkind sein zu müssen. Weichheit: Wir fühlen, weil wir viel erlebt haben, mit anderen Menschen mit. Und entwickeln eine Dankbarkeit, die uns in der Jugend fremd war. Dankbarkeit für Freundschaft, Liebe, Gesundheit, oder einfach nur die Dankbarkeit, am Leben zu sein.

Tatjana Lackner

Selbstoptimierung liegt im Trend. Make-Up und Haare färben war schon zu Cleopatras Zeiten en vogue. Du lässt in deinem Buch durchblicken, dass du Botox und Facelifts ablehnst. Du nennst eine Reihe prominente Kosmetikopfer, die allesamt in den 1980er Jahren mit ihren Schönheitsoperationen begonnen haben. Gerade die plastische Chirurgie hat sich seither enorm weiterentwickelt. Zwischen Resi Berghammer aus „Der Bullen von Tölz“ und Jane Fonda ist das Spektrum breit. Gibt es nicht auch gute Beispiele von geglückten Optimierungen?

Sandra Schönthal

Absolut! Ob optimiert oder schön gealtert, sei dahingestellt. Sharon Stone (60), Meryl Streep (68), Susan Sarandon (71). Die großartige italienische Sängerin Fiorella Mannoia (64). In unseren Breiten: Martina Gedeck (56), Corinna Harfouch (63), Senta Berger (77). Botox und Hyaluron finde ich, in dezenten Maßen, total okay. Aber Facelifts!?! Wie man sich ohne medizinische Notwendigkeit das Gesicht aufschlitzen, Haut wegschneiden und die neue Visage wieder zusammenflicken lassen kann, ist mir ein Rätsel.

Tatjana Lackner

Heute ist zwar 50 das neue 30, dennoch hat sich das Klimakterium nicht in Richtung 70 verschoben. Machen uns hier Gesellschaft und Medizin etwas vor?

Sandra Schönthal

Wie wahr! Wir sind dank Medizin, Ernährung und Kosmetik länger frisch, aber 50 ist 50 und nicht 30. Schauen wir uns die Schauspiel- & TV-Branche an, wo jugendliches Aussehen und Marktwert Hand in Hand gehen. Rollenangebote für alternde Schauspielerinnen nehmen ab, Moderatorinnen werden vom Bildschirm verbannt. Per Facelift schinden sie (speziell Moderatorinnen – USA extrem, bei uns übel genug) – eine Galgenfrist heraus, aber dann ist Schluss.

Tatjana Lackner

Wir Frauen haben einige weibliche Zuschreibungen über die Jahre verloren. „Fräulein” sagt man heute nicht mehr und auch die „Jungfer” hat ausgedient. Den Begriff der „Diva” haben wir – nicht erst seit Conchita – gänzlich an die Männer Welt verloren. Man gewinnt gesellschaftlich den Eindruck, dass es mehr männliche als weibliche Diven gibt. Warum ist das so?

Sandra Schönthal

Männer sind, speziell im Alter, eitler. Während wir uns aus der Abhängigkeit von männlichem Echo befreit haben, schluckt ein Mann das absurdeste Kompliment. Machen Sie mal das Experiment und sagen Sie einem (mittel)alten, dicken, hässlichen Mann: „Sie sind ein junger Gott“ – ich schwöre, er wird gläubig strahlen.

Tatjana Lackner

Wir Frauen sind über die Jahrzehnte mündiger geworden. Hat uns nicht zuletzt die 1968er-Bewegung besonders in Bezug auf die Doppelbelastung geschadet?

Sandra Schönthal

Solange, und es wird noch lange dauern, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht passen (Kinderbetreuung staatlich/ privat/ innerbetrieblich; keine Rückstufung auf der Karriereleiter nach Babypause; Einkommensgleichheit; flexible Arbeitszeitgestaltung; Väterkarenz; 50/50 im Haushalt) müssen wir harte Entscheidungen treffen. Will ich Familie? Oder Karriere? Oder beides: Wer kommt dann zu kurz? Die Kinder? Die Karriere? Die Partnerschaft? Meine psychische und physische Gesundheit?

Tatjana Lackner

Du hast an der Schule des Sprechens schon vor über zehn Jahren deine Sprechtechnik verfeinert. Wo profitierst du heute noch davon?

Sandra Schönthal

Von der interessanten Zeit in Deiner Schule des Sprechens habe ich immer profitiert. Es ist gut, klar und deutlich sprechen zu können, wo auch immer. Und in letzter Zeit ganz konkret bei Veranstaltungen: Buchpräsentation, Lesungen, TV. SEHR zu empfehlen!!!

Tatjana Lackner

Unter dem Label 60+ sammelt sich alles im Alter von 59 bis jenseits der 80. Fehlt es den Marketern hier an sinnvoller Einteilungen der Best Ager? Oder sind besonders Frauen tatsächlich nur noch eine große ergraute Werbe-Zielgruppe?

Sandra Schönthal

Ja! Und abgesehen von der grauen Suppe, in der wir marketingtechnisch schwimmen, vermisse ich in der Alternsproblematik die Ehrlichkeit, eine Balance zwischen Kampfansage und Loblied. Ratgeber, Zeitschriften, Doku Soaps, Werbung – voll von Tipps & Tricks & Wundermitteln gegen das Alter. Auf der anderen Seite Tausende Lebenshilfebüchlein à la „Hurra, endlich 50plus, ich bin jetzt sooo gelassen, cool und glücklich.“ Da fehlt die reale Mitte!

Mein Lieblingszitat zum Thema. Hannelore Hoger alias Kommissarin Bella Block, als sie zu Alter / Jugend / Vergänglichkeit befragt wurde: „Glück ist, wenn der Flieder im Frühling immer noch so duftet wie in meiner Kindheit.“