Unsere Biografie bestimmt unsere Sprache

Lebenswurzeln und Sprache

Vor einiger Zeit kursierte ein Werbetrailer vom Reiseplattform-Anbieter Momondo durch die sozialen Medien. Das Video erinnerte auf berührende Weise andere Menschen daran, dass sie ganz unterschiedliche ethnische Identitäten im Stammbaum tragen. – Viele wissen gar nicht woraus sich ihre stimmliche DNA zusammen setzt. Dabei gibt es seit dem 21. Februar 2000 sogar einen „internationalen Tag der Muttersprache“, der von der UNESCO ausgerufen wurde. Zum einen sind viele Sprachen vom Aussterben bedroht und zum anderen gilt Mehrsprachigkeit als Schlüssel zur Toleranz.

Als kulturell und sprachlich brisante Mischung musste ich schon früh lernen mit den unterschiedlichen Bausteinen meines Temperamentes umzugehen:

Mein Ur-Grossvater: Libanon

Meine Ur-Grossmutter: Portugal

Der eine Großvater: Bolivien

Meine Großmutter: Baskenland

Der andere Großvater: USA

Meine Großmutter: Deutschland, Schlesien

Meine Tante: Frankreich, Normandie

Meine Mutter: Deutschland, München

Mein Vater: Bolivien, Santa Cruz de la Sierra

Die Eltern hatten es da vergleichsweise leichter. Mein Vater ist Südamerikaner, also „polychron“. Gut. Meine Mutter hingegen war Deutsche und damit „monochron“. Später konvertierte sie zur Österreicherin. Dieser Transfer war weder sprachlich, noch kulturell die ganz große Herausforderung. Bei mir hingegen vermischten sich die polychrone und monochronen Kultur von Anfang an. Zudem kamen gleich mehrere genetische Bausteine zusammen, die sich sonst eher beißen. Diese unterschiedlichen Kräfte der Vorfahren haben sich sowohl sprachlich, vor allem aber in meiner „Betriebstemperatur“ bemerkbar machen.

 POLYCHRON VS. MONOCHRON?

Sprache und Kultur haben viel gemeinsam. Als junger Mensch untersucht man gerne, was uns von anderen unterscheidet. Am signifikantesten erlebte ich die Unterschiede bei „monochron“ versus „polychron“ samt den beiden inherenten Zeitkonzepte, Arbeitsweisen und Kommunikationsstile, die durch meine Genetik angelegt sind.

Was bedeutet das? Interkulturelle Überschneidungen und Verschiedenheiten beeinflussen unserer Kommunikationsweise. Wer heute mit CEE-Ländern oder Asiaten verhandelt, weiß, dass die deutschsprachige monochrone Korrektheit auf wenig Gegenliebe trifft. Zeit ist eine Kulturdimension, die wir ebenfalls hörbar im Rededuktus und Wortschatz tragen: „Wie spät ist es?“, „Hast Du kurz Zeit?“, „Dafür ist mir die Zeit zu schade!“ Monochrone Kulturen (Nordeuropa, Deutschland, Japan, USA) erledigen Aufgaben nach dem Motto: „Eins nach dem anderen“. Wir stellen uns an, bis wir „an der Reihe sind“. „Der Nächste bitte!“ Diese „Schritt-für-Schritt-Effizienz“ kennzeichnet die Arbeitskultur in Industrie-Nationen.

Die strenge preußische Großmuter, eine dominante bayrische Mutter und die Vertreter von Münchner Kindergärten und österreichischen Schulen, die ich besuchte deckten die monochrone Sozialisierung in meinem Leben ab. Demgegenüber stand mein polychroner Anteil, der Zeit nicht als etwas lineares, sondern zirkulären verstand und bei Physikprüfungen auch nicht S/M/A/R/T formulieren wollte, sondern lieber bildhaft und nicht immer zum Thema.

Monochrones Arbeitsverhalten:

  • Zeit ist linear
  • step by step
  • rational
  • zielorientiert (SMART)
  • Tätigkeit
  • Struktur

Polychrones Arbeitsverhalten

  • Zeit ist zirkulär
  • chaotisch
  • emotional
  • Vision
  • Beziehung
  • Netzwerk
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